„Kinder? Nein, danke!“

Immer weniger Chinesinnen wollen Mutter werden. Für eine solide Basis und ein stabiles Wirtschaftswachstum bräuchte das Land eine Geburtenrate von 2,1. Die Rate liegt aktuell nur bei 1,0. Die Einwohnerzahl Chinas (1,4 Milliarden) schrumpft jedes Jahr um mehr als drei Millionen. Bis zum Jahr 2100 könnte sich das Land halbiert haben. Ein echtes Problem, für das Peking derzeit keine Lösung hat. Außer den Robotern vielleicht. 

 

Die Unlust am Kinderkriegen ist hausgemacht. In einem Land mit einer dermaßen strengen Schönheitsdoktrin haben viele junge Damen tatsächlich Angst, dass ein Baby ihre Figur zerstören würde. Das ist kein Scherz, ich höre es ständig, genauso wie die Angst vor Schmerzen. Andere fürchten um ihre Freiheit. Sie haben viel Zeit, Mühe und Geld in Ausbildungen investiert, um erfolgreich zu sein, und möchten das nicht aufgeben. Eine „rich bad ass bitch“ zu sein, ist ein echter Trend. Das Netz ist voll von Frauen, die für ihr unabhängiges Single-Leben gefeiert werden. Die Zahl der Eheschließungen hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Hinzu kommt, dass viele Großstadt-Paare es sich schlicht nicht leisten können, Kinder zu bekommen. Eine gute Ausbildung kann ein Vermögen kosten, wenn man möchte, dass sein Kind aus der Masse heraussticht. Die begehrten englischsprachigen Privatschulen kosten zwischen 20.000 und 50.000 Euro im Jahr. Da sind die 430 Euro Kindergeld, die der Staat seit neuestem für die ersten drei Lebensjahre anbietet, nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Digitalisierung hat ihren Beitrag geleistet. Die Chinesen kleben an ihren Smartphones. Der Content, in dem es vordergründig um Konsum und Luxus geht, hat das Wertesystem des Volkes ins Wanken gebracht. Geld und Statussymbole sind für viele plötzlich wichtiger als Familie. Peking hat reagiert.

China schrumpft

Die Bevölkerung wird daher immer älter. Über 320 Millionen Chinesen sind heute 60 Jahre oder älter. Immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter müssen daher für eine immer größere Zahl von Rentnern aufkommen. Eine Folge der Ein-Kind-Politik. Die Parteiführung hatte nicht bedacht, dass mit steigendem Wohlstand auch die Lebenserwartung steigen würde. Diese lag 1945, bei der Gründung der Volksrepublik, bei 35 Jahren, 1980 bei 66 Jahren und heute wird der Durchschnittschinese 79 Jahre alt. Die Ausgaben im Rentensystem steigen daher stetig, zumal man in China am liebsten bereits mit 58 Jahren in Rente geht. Bis zum Jahr 2050 werden über ein Drittel der Bevölkerung Rentner sein. Auf einen Rentner kommen dann voruassichtlich 1,6 Arbeitnehmer. Das wird eng. Kein Wunder, dass man in China so sehr auf Roboter setzt.

Die Alten helfen sich selbst

Die Anzahl der Alters- und Pflegeheime hat sich zwar vervielfacht, aber kein Chinese, der auch nur irgendeine Alternative sieht, würde sich freiwillig in ein Heim begeben, da das jeglicher Tradition widerspricht. Die Senioren haben daher ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und sich in unterschiedlichsten Selbsthilfegruppen organisiert. Es gibt sogar landesweite Beauty-Contests für alte Menschen. Und während meine jüngeren chinesischen Bekanntschaften vor lauter Arbeit kaum Zeit für freizeitliche Aktivitäten haben, sind die Rentner megaaktiv. Sie treffen sich zum Turnen, Tanzen, Singen und Musizieren in öffentlichen Parks. Ab sieben Uhr morgens tobt im Fuxing-Park von Shanghai in den Sommermonaten bereits der Bär. Senioren aus der ganzen Stadt versammeln sich zum kollektiven Workout und fröhlichen Miteinander. 

 

Treffpunkt: schwedisches Seniorenheim

In Shanghai hatte man sogar ein Gesetz erlassen, das Kindern vorschreiben sollte, ihre Eltern „oft zu besuchen oder Grüße zu schicken“, aber das hat wenig Wirkung gezeigt, wie mir die Senioren berichten. Sie gehen daher morgens in den Park und nachmittags zu Ikea. Da einige der ärmeren Rentner zuhause keine Klimaanlage haben, genießen sie es, dass es bei Ikea im Sommer schön kühl und im Winter schön warm ist. Allein in der Zentralniederlassung von Peking schauen an einem durchschnittlichen Tag rund 30.000 Besucher vorbei, am Sonntag sogar doppelt so viele. Ich staunte nicht schlecht bei meinem ersten Besuch: Die Bettenabteilung war voll von Menschen, die ungeniert ein Nickerchen auf den Exponaten machten. 

Das „Ikea-Schläfchen“ kennt man landesweit

Das „vijia wujiao“, das „Ikea-Schläfchen“, sei mittlerweile ein feststehender Begriff in China, der jedem geläufig sei, erklärte mir ein Mitarbeiter auf meine staunende Nachfrage. „Manche kommen in der Mittagspause, andere kommen zum Spielen mit ihren Kindern und vor allem für viele alte Leute ist es ein Ort der Begegnung, um nicht alleine zu sein.“

Es sei ein kleiner Kulturschock für seine schwedischen Arbeitgeber gewesen, als diese 1999 die erste Filiale eröffnet hätten, aber mittlerweile hätten diese sich mit den lokalen Vorlieben arrangiert. Sie würden daher einfach die Bettwäsche etwas öfter wechseln als üblich. Besonders stolz erklärte er mir, dass die chinesischen Filialen weltweit die einzigen seien, in denen, in der Wohnzimmer-Abteilung, keine Papp-Attrappen, sondern echte Fernseher an der Wand hingen. Chinesen würden einfach gerne Fernsehschauen beim Nickerchen. „Wir freuen uns, dass wir so ein populärer Ort der Kommunikation sind. Die meisten Besucher kaufen nichts, aber wenn sie irgendwann mal ein Möbelstück brauchen, ist die Chance groß, dass sie auf uns zurückkommen. Wir wären heute bestimmt nicht so erfolgreich in China, wenn wir die Leute einst vertrieben hätten.“

„Kötbullar ist nicht gut für die Potenz.“

Das Ikea-Schläfchen hat dem schwedischen Möbelhaus viel Ruhm in den chinesischen Medien beschert, denn die PR-Abteilung des Konzerns hatte die tolerante Geschäftspolitik gekonnt ausgeschlachtet. Vor allem die Tatsache, dass sie auch alten Menschen, die kaum Kaufkraft besitzen, Zuflucht gewähren, hat ihnen viele Pluspunkte im Reich der Mitte eingebracht. Zudem die Ikea-Cafeteria als beliebte Kontaktbörse bei den Rentnern gilt. Nicht wenige Senioren haben hier ein spätes zweites Liebesglück gefunden. Nur Köttbullar lehnen sie ab, wie sie mir erklärten, denn das sei nicht gut für die Libido. Mapo Tofu hingegen sei sehr förderlich. Der in Chili-Brühe servierte Tofu heizt nämlich gut ein und ist aufgrund seiner Konsistenz selbst ohne stabiles Gebiss gut zu essen. Die Schweden haben darauf reagiert. Das potenzförderliche Gericht ist Standard in allen Filialen. 

In Gedenken an meine Mutter. Sie verstarb im September 2006, viel zu früh, im Alter von 65 Jahren. Ich denke viel an sie dieser Tage. Auf dem Todesbett hatte sie noch gefragt, wer denn zukünftig meine Wäsche machen würde. Eine echte Mutter halt. Ich vermisse dich, Mama!

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