
Ostern also. Nie hatte das Fest der Auferstehung mehr Symbolkraft für mich als in diesem Jahr. Ich bin umgezogen. Von Guangzhou nach Shenzhen. Das ist in etwa so, als würde man von Kufstein nach Paris ziehen. Shenzhen an der Festlandküste zu Hongkong ist das Silicon Valley Chinas. In der zweitreichsten Stadt der Welt ist alles moderner, westlicher und jünger als im Rest der Volksrepublik. Kurzum: Ich lebe endlich wieder in der Zivilisation.
Shenzhen war 2018 der erste Ort Chinas gewesen, den ich aufgrund eines Werbekampagnen-Shootings besucht hatte. Damals empfand ich es als zu westlich. Auf keinen Fall wollte ich dort leben. Es war mir nicht asiatisch genug. Zu wenig Abenteuer. Acht Jahre später habe ich genug abenteuerliche Nachbarschaften bewohnt. Es reicht. Meine beruflichen Herausforderungen sind anstrengend genug. Wenn ich nach Feierabend nach Hause komme, darf es gerne etwas bequemer sein. Zumal 80 Prozent meiner Kunden ohnehin in Shenzhen sitzen. Und das fühlt sich eben wie eine Auferstehung an, wie ein neues Leben.

Shenzhen – Chinas Musterstadt der Moderne
Geografie & Lage
Shenzhen liegt in der Provinz Guangdong im Südosten Chinas, direkt an der Grenze zu Hongkong. Die Stadt grenzt im Süden an den Perlflussdelta-Mündungsbereich und ist Teil der größten Megastadt-Agglomeration der Welt – dem Guangdong-Hongkong-Macao Greater Bay Area.
Geschichte – Vom Fischerdorf zur Weltmetropole
Das ist wohl die bemerkenswerteste Stadtgeschichte der modernen Zeit:
- Vor 1980: Shenzhen war ein kleines Fischerdorf mit etwa 30.000 Einwohnern.
- 1980: Deng Xiaoping erklärte Shenzhen zur ersten Sonderwirtschaftszone (SEZ) Chinas – ein radikales Experiment mit Marktwirtschaft im sozialistischen Staat.
- 1990er–2000er: Explosives Wachstum durch ausländische Investitionen, Exportindustrie und Binnenmigration.
- Heute: Über 17 Millionen Einwohner (offizielle Zahl; inoffiziell schätzungsweise 20+ Mio.), eines der höchsten Pro-Kopf-BIPs Chinas.
Wirtschaft & Technologie
Shenzhen hat sich vom Billiglohnstandort zur globalen Technologie- und Innovationshochburg gewandelt:
- Tech-Konzerne: Huawei, Tencent, DJI, BYD, ZTE – alle haben hier ihren Hauptsitz.
- „Silicon Valley Chinas“: Dichte an Startups, Risikokapital und Patentanmeldungen ist landesweit führend.
- Elektronikmärkte: Huaqiangbei gilt als größter Elektronikmarkt der Welt – hier bekommt man fast jedes Bauteil der Welt.
- Hardware-Ökosystem: Nirgendwo lassen sich Prototypen schneller und günstiger produzieren.
Stadtbild & Infrastruktur
- Skyline: Zu den markantesten Gebäuden zählen der Ping An Finance Centre (599 m, vierthöchstes Gebäude der Welt), das CITIC Plaza und der KK100.
- U-Bahn: Eines der modernsten und ausgedehntesten Metronetze Chinas (über 500 km Streckenlänge).
- Flughafen: Bao’an International Airport ist einer der verkehrsreichsten Chinas.
Gesellschaft & Bevölkerung
- Shenzhen ist eine Stadt der Migranten: Über 70 % der Bevölkerung stammt nicht ursprünglich aus der Stadt.
- Durchschnittsalter unter 35 Jahre – Shenzhen ist Chinas jüngste Großstadt.
- Offenere, kosmopolitischere Atmosphäre als viele andere chinesische Städte.

Wenn Ostern und Qingming zusammenfallen
Da Ostern in diesem Jahr mit dem chinesischen Qingming-Fest zusammenfiel, tobte nicht nur im begehrten Oster-Reiseziel Hongkong der Bär, sondern auch auf dem Festland. Alle hatten drei Tage Urlaub. Also fast alle. Natürlich nicht der Typ, der meine Waschmaschine am Ostersonntag lieferte. Der Klempner, der sie anschloss, auch nicht. Die Möbelpacker, die mein neues Sofa samt Verpackung vor der Tür abstellten, ohne zu klingeln, auch nicht. Die Dame, die mir bei McDonald’s einen Blowjob zum Happy Meal verkaufen wollte, auch nicht. Aber sonst gefühlt alle. China halt.
Sind Kantonesen lebensmüde?
Qingming bedeutet wörtlich „klar und hell“ und läutet offiziell den Frühlingsanfang ein. Zudem wird zu diesem Termin auch der Ahnen und Toten gedacht. Am sogenannten „tomb sweeping day“ geht man auf den Friedhof, um die Familiengräber zu pflegen. An den restlichen 364 Tagen habe ich noch nie jemanden an den Gräbern gesehen. Man hat hier mit dem Thema Tod anscheinend nicht viel am Hut. Ja, angesichts des rücksichtslosen Straßenverkehrs in Guangdong, glaube ich, dass man sich vor dem Tod hier nicht mal fürchtet. Anders ist das perverse Fahrverhalten für mich nicht erklärbar.
Der Osterhase kommt nicht zu den Angsthasen
Dabei sind Chinesen ansonsten eigentlich eher ein ängstliches Volk. Das benachbarte Thailand weiß ein Lied davon zu singen. Das ehemals so beliebte Reiseziel der Chinesen, hat Umsatzeinbußen von dreißig Prozent zu verzeichnen, seitdem ein Menschenhändlerring aufgeflogen ist, der eine Handvoll chinesische Touristen entführt hatte. Die Drahtzieher wurden zwar mittlerweile verhaftet und medienwirksam hingerichtet, aber egal, für viele Chinesen ist Thailand seitdem tabu. Wenn ein Taifun angekündigt wird, was in meiner Region so oft der Fall ist, dass ich nicht mal mehr den Regenschirm auspacke, verkriechen sich meine Nachbarn gerne schon drei Tage vorher. Als ich unlängst ein paar Segelfotos in den sozialen Netzwerken postete, handelte jeder zweite Kommentar davon, dass ich mich vor aufziehenden Stürmen hüten solle.
„Wer will schon nass werden?“
Selbst bei normalem Regen gehen die meisten nicht aus dem Haus. Sogar die populärsten Restaurants, an denen man sonst 30 Minuten auf einen Tisch wartet, sind an Regentagen wie leergefegt. Arzt- und Friseurtermine nehme ich daher stets an Regentagen wahr, einfach, weil die Wartezeiten wegfallen. Als ich meine Putzfrau unlängst fragte, warum sie denn so müde sei, erklärte sie mir, dass sie gestern Abend nach der Arbeit nicht nach Hause gehen konnte. Da es regnete, hatte sie die Nacht unter dem Vordach des benachbarten Supermarktes verbracht. Und das, obwohl sie nur zehn Gehminuten entfernt wohnt. „Wer will schon nass werden? Das ist doch nicht schön.“
Vergeben und vergessen
Dass ich die zweistündige Fahrt mit dem Umzugswagen von Lalamove ins 120 Kilometer südlich gelegene Shenzhen überlebt habe, grenzt an ein Wunder. Zweimal hat der Fahrer unterwegs andere Autos touchiert, ohne anzuhalten. Und als er eine Ausfahrt verpasste, hatte er eine 180-Grad-Wendung auf der Autobahn hingelegt. Mehrfach musste ich laut werden und ihm ins Steuer greifen. Die Möbel habe ich auch selbst ein- und ausgeladen, da der Typ zu verplant war. Als ich meinem Unmut über das Erlebte in einem Video auf den sozialen Netzwerken kundtat, war die vordergründige Reaktion, dass ich zu wenig Verständnis für den armen Fahrer zeigen würde. „Du hättest ihm mehr Geld geben müssen.“
„Das macht doch nichts!“
Ja, man vergibt schnell in diesem Land. Egal, was man anstellt und wie sehr du jemand anderem Ungemach bereitest, die Standardreaktion lautet: „Macht nichts, kein Problem.“ Der entsetzte Gesichtsausdruck der Besitzerin des Schmuckladens, in dem gestern ein Kind in meiner Gegenwart ein Regal voller Pretiosen umstieß, sprach Bände. Für einen kleinen Moment dachte ich, sie würde das Kind umbringen, aber nein, „kein Problem“, entfuhr es ihr, wie ein programmierter Reflex. Es schickt sich nicht zu zeigen, dass man jemandem böse ist. Das erklärt dann auch, warum sich Chinesen so erschrecken, wenn ich gelegentlich mal über „idiotische“ Geschäftspartner schimpfe.

Die Heimat der fünften Todsünde, der Völlerei
Auch beschwert man sich im Restaurant nicht über schlechtes Essen. Man schweigt, zahlt und geht. Da man selten schlechtes Essen serviert bekommt, bin ich umso mehr geneigt, mich zu aufzuregen. Einer chinesischen Begleitung kann ich so etwas jedoch nicht antun, da diese vor Scham im Erdboden versinken würde. Als die Kellnerin mir unlängst mein Lachscarpaccio nach dem Tiramisu servieren will, und ich gerade rot anlaufe und mich bereit mache, um sie verbal zu massakrieren, kommt mir meine Begleiterin zuvor. „Das macht doch nichts.“ Ja, da kann man sich was abschauen. Zumal das Thema Vergebung ja auch zum Osterfest passt.
Wahrscheinlich vergibt der Herrgott den Chinesen, dass sie regelmäßig gegen die fünfte Todsünde, die Völlerei, verstoßen. In einem Land, in dem Menschen vor 70 Jahren noch am Hungertod gestorben sind, gelten andere ethische Maßstäbe. Man bestellt im Restaurant prinzipiell zu viel. Ja, es gibt sogar eine Regel im Guangdong, wonach man immer wenigstens ein Gericht in Reserve bestellt, falls irgendwas nicht schmecken sollte. So oder so, ein Drittel wandert immer in den Müll. Von den zwölf Gerichten, die meine Begleitung bestellt hatte, während ich vergebens auf mein Lachscarpaccio wartete, wanderte über die Hälfte in den Müll. Ich tue mich schwer, ihr zu vergeben. Aber ich bin ja auch nicht der liebe Gott.


Achtung, Vatertag!
Heute bleibt der Verstand im Haus, wir führen den Bollerwagen aus.

„Kinder? Nein, danke!“
Immer weniger Chinesinnen wollen Mutter werden.

„Danke für deine harte Arbeit!“
Was ein Adjektiv über die chinesische Arbeitsmoral aussagt.


China: Die Zen-Therapie
Die Kunst, nichts persönlich zu nehmen.







