
Seit Tagen rufen verschiedene Behörden in Deutschland zum maßvollen Umgang mit Alkohol auf. Der Vatertag steht an. Millionen von Vätern ziehen wieder mit Bollerwagen, Bier und Grillzeug durchs Land und lassen es hemmungslos krachen. An keinem anderen Tag im Jahr, nicht mal an Silvester, gibt es in Deutschland mehr alkoholbedingte Unfälle.
Dass der Vatertag ein Relikt aus der Nazizeit ist, spielt dabei keine Rolle. Wer denkt denn auch an so was, wenn er betrunken ist? Kann man überhaupt noch klar denken, wenn man betrunken ist? „In vino veritas“ heißt es. Oder auch: „Betrunkene und Kinder sagen immer die Wahrheit“. Mal abgesehen von der Fragwürdigkeit, Kinder mit Betrunkenen gleichzusetzen, bin ich mir nicht sicher, ob man die Wahrheit erkennt, wenn man betrunken ist. Es ist wohl eher so zu verstehen, dass in alkoholisiertem Zustand oft Hemmungen fallen und man seinem Chef eher mal respektlos begegnet oder der scharfen Kollegin unter den Rock greift. Weihnachtsfeiern und deren Folgen sprechen Bände. Ich kenne mehrere Kündigungen und Babys, die aus Betriebsfeiern resultieren. Ich selbst habe einige rauschbedingte, folgenschwere Fehlentscheidungen in meinem früheren Leben getroffen und favorisiere daher heute eher ein anderes Sprichwort: „Der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns zu verderben.“

Wenn man fürs Geschäft sein Leben riskiert
Ich trinke gerne mal ein Gläschen Wein, aber Alkoholexzesse gibt es in meinem Leben schon lange nicht mehr. Kontrollverlust ist mir ein Gräuel. Auch ertrage ich keine betrunkenen Menschen in meiner Nähe. Da spielt mir China in die Karten. Hier fällt es leicht, auf Alkohol zu verzichten. Nicht nur wegen des Mangels an österreichischem Veltliner, sondern auch weil es nicht Teil ihrer Kultur ist, so selbstverständlich Alkohol zu trinken wie in Europa. Kein Restaurantkellner käme auf die Idee, nach Getränkewünschen zu fragen. Solange man nicht explizit nach Alkohol fragt, bekommt man warmes Wasser serviert. Zumal man laut TCM ohnehin zur Mahlzeit gar nichts trinken sollte, da dies der Verdauung schadet.
Und obgleich der Chinese mehrheitlich mit Alkohol nichts am Hut hat und der jährliche Pro-Kopf-Konsum in China mit circa 5 Litern Reinalkohol deutlich unter den 11 Litern in Deutschland liegt, verzeichnet China eine der höchsten Raten an Lebererkrankungen weltweit. Das kommt daher, dass den meisten Chinesen ein wichtiges Enzym fehlt, um Alkohol abzubauen. Dennoch trinken viele Chinesen bei Geschäftsessen oft große Mengen, selbst wenn sie keinen Alkohol mögen, da dies sozial erwartet wird. Diese Trinkgelage dürften in etwa die Hälfte der chinesischen Statistik ausmachen. Und daraus resultieren laut WHO über 6 Millionen Leberzirrhosen. Ja, für Geld geht mancher hierzulande über Leichen. Sogar über die eigene.

Wenn die Leber nicht mehr mitspielt
Ich habe viele Menschen in meinem Umfeld am Alkohol zugrunde gehen sehen. Leider auch meinen besten Freund Günther. Heute ist sein Todestag. Am 14. Mai 2018 starb Günther im Alter von 58 Jahren an Leberzirrhose. Er hatte sich quasi totgetrunken. Für mich damals ein Riesenschock. Auf seine Art schlimmer als der Abgang meiner Mutter, da ich es nicht habe kommen sehen. Es gab zwar Anzeichen, aber ich habe sie nicht richtig gedeutet.
Günther war ein Sonnyboy, der Typ Mensch, den jeder mochte. Gutaussehend, kommunikativ und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Die Frauen liebten ihn, die Männer beneideten ihn. Auch ich eiferte ihm nach. Er hatte mich als jungen Burschen unter seine Fittiche genommen, mich in Clubs mitgeschleppt, mir zum ersten Mal ein Bordell von innen gezeigt und Günther hatte mir auch das Trinken beigebracht. Wir waren über Jahre wie Pech und Schwefel. Unsere Dynamik konnte man getrost als ungesund bezeichnen. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb trennten sich unsere Wege irgendwann.
Vom Sonnyboy zum Griesgram
Als wir Jahre später in seinem Tiroler Exil, einer einsamen Berghütte, wieder zueinanderfanden, war Günter nicht wiederzuerkennen. Aus dem einstigen Sonnyboy war ein griesgrämiger Eremit geworden, der nicht viele Sympathien für andere Menschen hegte. Für die Bergwanderer und die „Scheiß-Biker”, die seine Ruhe störten, erst recht nicht. Ja, selbst den Maulwürfen hatte er den Kampf angesagt. Günther schien abgeschlossen zu haben mit dem Rest der Welt. Und mit sich selbst auch.
Wie sich herausstellte, hatte er ein paar Jahre zuvor im Vollrausch einen Autounfall verursacht, bei dem ein 17-jähriger Tiroler ums Leben gekommen war. Die Leiche schleppte er seitdem auf seinen Schultern herum, ohne das jemals aufgearbeitet zu haben. Er hatte es gedeckelt mit jeder Menge Alkohol und selbstangebautem Gras. Er trank zwar keinen harten Sprit mehr, sondern „nur noch Bier“ wie er gerne betonte, aber zehn Halbe täglich waren auf Dauer für seine Leber dennoch zu viel gewesen.
Die kranke Leber macht zornig
Der Kontakt zwischen Günther und mir war wieder abgerissen, weil ich den Griesgram nicht mehr ertrug, als ich ein halbes Jahr später, während eines Mallorca-Aufenthalts, von starken Migräneanfällen heimgesucht wurde. Ich quälte mich zwei Tage lang bettlägerig in einer abgedunkelten Finca, bis mir plötzlich Günther im Traum erschien. Er lachte, so wie der alte Günther es zu tun pflegte, und nahm mich an der Hand mit auf eine Bergtour. Es war schön, den alten Freund so glücklich zu sehen. Wir zogen durch die Bergwelt, vorbei an seiner Hütte, dem Gipfel entgegen. Er war ganz eins mit der Natur, sogar die Tierwelt spürte das. Wir trafen auf Rehe und Gämse, die ihn begrüßten wie einen alten Freund. Da war nichts Feindseliges mehr an ihm. Da war nur Liebe. Als wir schließlich am Gipfel ankommen, lässt er meine Hand plötzlich los und springt freudestrahlend eine Steilwand hinunter. Ich wache vor Schreck sofort auf. Ich fühle mich erschöpft, aber meine Schmerzen sind verschwunden. Als ich wenig später nach meinem iPhone greife, lese ich eine Nachricht von einem Freund: Günther ist gestorben!
Wie sich herausstellte, war seinem Ableben ein zweitägiger schmerzvoller Todeskampf vorausgegangen. Günther hatte seit Jahren unter Leberkrebs gelitten, war nie zum Arzt gegangen, hatte seine lebensbedrohliche Krankheit nie geteilt, hatte alles nur mit sich selbst ausgemacht und war schließlich ein paar Tage vor seinem Ende zusammengebrochen und mit Rettungssanitätern ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dort hatte man ihm noch zehn Tage gegeben. Einziger Trost für die Hinterbliebenen: Leberkranke seien typischerweise schlecht gelaunt und oft zornig, wie der Arzt erklärte. Man solle es ihm daher doch bitte nachsehen, wenn er am Schluss ein wenig griesgrämig gewesen sei. Ruhe in Frieden, alter Freund!









