Der Harvey Weinstein von Tirol

Gerade dachte ich noch, es passiert irgendwie nichts, über das es sich zu schreiben lohnt, da flattert mir plötzlich eine Vorladung von der Kripo ins Haus. Meine Vernehmung als Zeuge in der Ermittlungssache „Mord am 09.06.2009 in Egmating“ sei erforderlich.

 

Ich sollte tatsächlich als Zeuge in einem Mordfall aussagen. Noch dazu ein Mord, der zwölf Jahre zurücklag. Was sollte ich dazu zu sagen haben, ich weiß ja kaum noch, was letzte Woche vorgefallen ist. Google sei Dank, hatte ich schnell herausgefunden, dass es sich bei dem Opfer um eine 73-jährige Rentnerin handelte, die während einer sonntäglichen Wanderung durch ein Waldstück bei Egmating ums Leben kam. Ziemlich brutal sogar. Sie wurde missbraucht, stranguliert und anschließend verbrannt. Der Täter wurde trotz mehrerer Zeugenaussagen, Phantombilder und TV-Beiträge nie gefasst.

Luise Zimmermann wurde am 9.06.2009 im Forst von Egmating ermordet.

Denunzieren ist Bürgerpflicht!

Für mich war der Kontext meiner Vorladung durch diese Eckdaten sofort klar. Da sich mein Leben 2009 vordergründig ums Marathonlaufen drehte und ich jeden Sonntag irgendwelche Wettkämpfe oder Trainingseinheiten in Waldstücken rund um München bewältigte, war ich wahrscheinlich mit meinem Handy in Tatortnähe ins Funknetz eingebucht gewesen. Ich erinnerte mich zwar nicht an besagten Wald, aber egal, was sollte es sonst sein?

Also ab zur Kripo nach Erding. Meine Unschuld beteuern. Und den Ermittlern im Gegenzug vielleicht ein paar Namen von ehemaligen Laufkonkurrenten stecken, die mir immer schon verdächtig schnell erschienen waren, ganz so als wären sie von irgendwas davongelaufen. Vielleicht bei der Gelegenheit auch gleich noch ein paar andere Idioten denunzieren, wie den SUV-Fahrer von gegenüber, der mir ständig meinen Parkplatz wegschnappt und in dessen Kofferraum locker ein paar Leichen hineinpassen. Ganz normale Bürgerpflicht halt. Herrlich, so eine Kripo-Vorladung.

„Wo waren sie am..?“

„Können sie uns sagen, was sie am Samstag vor zwei Wochen gemacht haben?“ Die erste Frage von Kriminalhauptkommissar Moser erwischte mich eiskalt. Was bitte soll das denn mit einem zwölf Jahre alten Mord zu tun haben? Und warum schaut er mich mit so ernster und prüfender Mine an? Geht man so mit einem Zeugen um? Ich hatte keine Ahnung, wo ich am Samstag vor zwei Wochen war, zog daher mein iPhone zurate und fand heraus, dass ich an besagtem Wochenende in meiner Tiroler Berghütte weilte.

„Irgendwelche besonderen Vorfälle, von denen sie uns berichten möchten?“ Ähm, wie bitte, was soll das denn jetzt? Besondere Vorfälle gibt’s nicht auf meinem Berg, ist ja auch ein Grund, warum ich dahinfahre. Okay, mein Nachbar hatte beim Hausbesuch Wasser anstatt Bier getrunken, was in all den Jahren noch nie passiert war und insofern schon ein besonderer Vorfall war, aber das kann ja die Kripo nicht interessieren. 

Oft sind die Kühe des Nachbarn meine einzigen Begegnungen auf dem Berg.

„Sorry, aber ich kenne keine älteren Damen.“

Wer mir denn in den Bergen so begegnet sei, will Herr Moser wissen, und es wird immer deutlicher, dass er auf irgendetwas Dramatisches hinauswill. Ich habe wirklich keine Ahnung, zumal ich außer ein paar Bauern niemanden getroffen hatte. Ob ich mich denn an eine ältere Dame erinnern würde, platzt es schließlich aus ihm heraus. Bei mir klingelt nichts. Ich treffe auf meinen Bergtouren gelegentlich mal Passanten, darunter auch ältere Damen, aber keine hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

„Sie fahren doch einen weißen Fiat 500…“ „Ja, aber den hatte ich vor zwölf Jahren aber noch nicht“, schoss es aus mir heraus, in der Hoffnung, dass das leidige Verhör damit ein Ende haben würde. Nein, nein, das spiele keine Rolle, es ginge um besagten Samstag und eine ältere Dame, die ich an meinem Fahrzeug getroffen hätte. Und zwar genau um 8.10 Uhr. Es dauerte eine Weile, bis der Groschen fiel, aber dann wusste ich, auf welche Begegnung der Kommissar anspielte.

Tatort: Parkplatz am Einstieg Ackernalm

60 lebensverändernde Sekunden

Ich war mit dem Auto zum Einstieg meiner geplanten Tour gefahren und hatte gerade geparkt, als mir eine Frau entgegenkam und mich nach dem Weg zur Wildenkaralm fragte. Natürlich half ich der Dame und zeigte ihr auf meinem iPhone die Strecke. Alles in allem eine Begegnung, die keine 60 Sekunden dauerte. Sie ging ihres Weges und ich folgte ihr in zehnminütigem Abstand. Mein Ziel, die Schönfeldalm, war zwar ein anderes, aber die ersten drei Kilometer waren der gleiche Weg. Dass die Dame etwas verstrahlt auf mich wirkte, hatte ich gegenüber dem Kommissar verschwiegen, da ich intuitiv davon ausging, dass ihr wahrscheinlich irgendwas Schlimmes zugestoßen war.

Der Einstieg zur Wildenkaralm und zur Schönfeldalm ist der gleiche.

Wenn aus einem Zeugen plötzlich ein Verdächtiger wird

Ihr war tatsächlich Schlimmes widerfahren und sie hatte sogar nur ganz knapp überlebt, wie sie der Kripo später berichtete. Sie hätte eine traumatische Begegnung mit einem Münchner Fiat-Fahrer gehabt. Der Mann hätte sehr bedrohlich gewirkt und sie über weite Strecken durch die Tiroler Berge verfolgt. Sie sei sich sicher, dass er der Triebtäter sei, nachdem so lange gefahndet wird. Täterprofil und Phantombild würden eindeutig auf mich passen. Ich konnte nicht glauben, was mir der Kommissar da offenbarte. Das konnte nur ein Scherz sein. Ich musste lachen. Wie kann sie mich als Bedrohung empfunden haben, wo ich doch die Hilfsbereitschaft in Person gewesen war?

Würden Hunde einen Triebtäter lieben?

Das Monster von Brauneck

Meine Reaktion schien den Beamten zu überzeugen, denn er bemühte sich, mich zu beschwichtigen. Es gäbe öfters derlei Hinweise aus der Bevölkerung, denen man stets nachgehen müsse, egal wie absurd sie klingen. Zumal man davon ausgehe, dass derselbe Täter auch für die Vergewaltigung einer Seniorin am Bauneck, einem Berg bei Bad Tölz, verantwortlich sei. Man suche daher womöglich sogar nach einem Serientäter, einem besonders perversen Triebtäter, der alten Damen beim Wandern auflauert. Einen wie mich halt. Ein Monster. Genauer: Das Monster von Brauneck. So hat ihn die Presse getauft. Und das hat wohl jene Dame an besagtem Samstagmorgen in mir gesehen. Ein Monster. Das erklärte dann auch, warum ich die Frau auf meiner Tour nicht wiedersah. Eigentlich hätte sie die ersten Kilometer immer wieder in meinem Sichtfeld auftauchen müssen. Womöglich hatte sie sich, vor Angst bibbernd, im Unterholz versteckt.

Die Phantombilder sind eindeutig.

Vielleicht war es Florian Silbereisen?

Ich hoffe, sie hat Höllenqualen gelitten, die blöde Kuh. Wie kann man so rücksichtslos durchs Leben rennen und einfach wildfremde Menschen denunzieren? Noch dazu so freundliche Exemplare wie mich. Zumal der Täter von allen Seiten als schmächtiger Zwerg mit 1,70 Meter beschrieben wird und die Phantombilder mir in etwa so ähnlich sehen wie Florian Silbereisen. Trotzdem bot ich der Kripo einen freiwilligen DNA-Test an, um meinen Kopf endgültig aus der Schlinge zu ziehen. Sicher ist sicher. Vielleicht auch präventiv für die nächste Irre, deren Wahrnehmung Kapriolen schlägt. Unglaublich, worin man alles so hineingeraten kann. Ich fühlte mich beschmutzt. So ein Triebtäter-Etikett wird man nicht so schnell los. Egal ob schuldig oder unschuldig, da bleibt immer etwas hängen. Ich bin jetzt quasi der Harvey Weinstein Tirols.

3 Kommentare zu „Der Harvey Weinstein von Tirol“

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