
In einem Land, in dem die 72-Stunden-Woche für die meisten Standard ist, ist der Tag der Arbeit eine große Nummer. Nicht, weil die Chinesen so gerne arbeiten würden, nein, vielmehr, weil sie einfach jeden Moment feiern, an dem sie nicht arbeiten müssen. Die Regierung hat nämlich einen fünftägigen Urlaub ausgelobt. Zwei der Tage sind zwar nicht wirklich geschenkt, sondern müssen an anderen Sonntagen wieder reingeholt werden, aber egal, wer denkt schon so weit, Hauptsache fünf Tage ausschlafen können. China halt.
Ja, mit Arbeiten haben sie es nicht so. Kaum einer hat Spaß daran. Arbeit wird zumeist als „hart“ bezeichnet. In meiner neuen Heimat Shenzhen ist es zwar etwas besser als im Rest des Landes, weil das Publikum jünger, innovativer und wohlhabender ist, aber generell identifiziert sich kaum einer in China mit seiner Arbeit, sondern eher mit dem Geld, für das sie steht. Dass es in Deutschland gelegentlich Lottogewinner gibt, die trotz ihrer Millionen weiterarbeiten gehen, glaubt mir hier keiner. Dass meine Münchner Gemüsehändlerin eine Woche nach ihrer Fußoperation entgegen ärztlichem Anraten wieder im Laden steht, weil es ihr zu Hause zu langweilig ist, genauso wenig. Extreme, aber exemplarische Beispiele, die aufzeigen, was wir den Chinesen voraushaben.
Ausflugsziele am Maifeiertag
„Diktatur? Na, und?“
An der Unlust am Arbeiten krankt das chinesische System. Ohne Druck und klare Anweisungen funktioniert nichts. Die sogenannte Diktatur ist daher die bestmögliche Regierungsform. Wobei sie ihrem Namen nicht wirklich gerecht wird, denn man kann in China im Prinzip tun und lassen, was man will, solange man die Partei nicht diffamiert und kein öffentliches Amt innehat. Dass mein arbeitsloser Nachbar sich soeben das dritte Haus gekauft hat, mit einer Tasche voll Bargeld, das er beim Zocken in Macau gewonnen hat, ohne dafür irgendwelche behördlichen Hürden nehmen zu müssen, spricht Bände.
Xi ist ein Segen für das Land
Dabei hat Xi Jinping schon gut aufgeräumt. Vor seiner Zeit waren Schutzgelderpressungen, Entführungen und Vergewaltigungen keine Seltenheit. Nicht selten von Ex-Militärs organisiert. „Soldat“ galt einst als Schimpfwort in China, dank Xi Jinping ist es wieder ein ehrenwerter Beruf. Xi hat mit seinen Säuberungsaktionen viel Korruption eingedämmt und die Straßen beispiellos sicher gemacht. Man fühlt sich hier so sicher, wie in Mamas Schoß. Ich kenne indische Ashrams, in denen es wilder zugeht als in meiner Shenzhener Nachbarschaft. Xi Jinping ist ein Segen für das Land. Und dank Trump und Netanjahu gewinnt er an Popularität. Zeigen die beiden Kriegsverbrecher doch ganz deutlich, dass die Demokratie nicht zwingend das bessere System ist. „Diktatur? Na, und?“ liest man dieser Tage öfter in den Sozialen Netzwerken.
China ist keine Bedrohung
Wenn man hier lebt, hat man einen anderen Blick auf das Land. Wenn ich lese, dass China angeblich eine Bedrohung für die freie Welt darstellt, dann ringt mir das nur ein müdes Lächeln ab. China ist keine Bedrohung. Ideologisch ohnehin nicht. Ich bin wahrscheinlich mehr Kommunist als jeder Chinese. Und wirtschaftlich habe ich auch so meine Zweifel. Wenn man täglich mit dem hiesigen Elektronikmüll zu tun hat, dann ringt mir das wenig Respekt ab. Daran können auch ein paar tanzende Roboter und fliegendes Essen nichts ändern. Eher im Gegenteil.
Wenn man sich plötzlich mit Robotern streitet
Bedroht sind allerdings meine Nerven. Meinen KI-gesteuerten Hausmeister möchte ich regelmäßig erschlagen. Man hat ihm vorsorglich eine weibliche Identität verpasst, wohl damit die Hemmschwelle größer ist, dennoch bekommt sie von mir regelmäßig meinen ungezügelten Zorn zu spüren. „Danke für deine harte Arbeit“, meinte die blöde Kuh doch tatsächlich, als ich meinen Tür-Code korrekt neu programmiert hatte. Ja, Haustürschlüssel gibt es nicht. Wenn das System ausfällt, was mindestens einmal im Monat vorkommt, dann kann man es sich im Hausflur gemütlich machen. „Keine Sorge, wir kümmern uns.“ „Ich sorge mich aber, du blöde Kuh!“ Mittlerweile kann sie sagen, was sie will, ich hasse sie einfach. Meine Chat-Protokolle wurden gestern vom Haus-Management wahrgenommen und es ging eine offizielle Order ans zweibeinige Personal raus, die KI-Hausmeisterin besser zu überwachen, da sie den ausländischen Mitbewohnern offensichtlich Ungemach bereiten würde.
„Kannst du mich bitte beim Chef loben?“
Eine Woche lang habe ich mit Sara, dem KI-Kundendienst vom Online-Kaufhaus Jingdong gestritten, weil ich vergebens auf eine Rückerstattung wartete. Immer wieder bat mich der weibliche Bot um Geduld, bis mir der Kragen platzte und ich sie beschimpfte: „Glaubst du, du kannst mich wie einen Idioten behandeln, nur weil ich ein Ausländer bin?“ 30 Sekunden später hatte ich mein Geld. Die Bots reagieren tatsächlich genauso empfindlich auf harte Töne wie der Chinese. „Danke für deine harte Arbeit“, meinte sie abschließend, weil ich meinen Umtauschartikel korrekt zurückgesandt hatte. Das hört man oft, wenn man seinen Job richtig gemacht hat. Der Klempner, der Überstunden machte, um meinen Wasserschaden zu beheben, flehte mich regelrecht an, dass ich doch bitte seine harte Arbeit beim Boss anpreisen solle. Die Masseurin genauso: „Kannst du mir bitte, bitte fünf Sterne für meine harte Arbeit geben?“ Es geht wohl nicht nur um Anerkennung, sondern wahrscheinlich auch um irgendein perverses Bonussystem. Wobei die Wahl des Adjektivs Bände spricht. Arbeit ist nicht gut, schön oder gar spaßig, nein, Arbeit ist „hart“.
„Client only small budget – can you cheaper?“
Mir hat doch ein Kunde tatsächlich mal elf Euro Trinkgeld auf WeChat angewiesen, um sich für meine „harte Arbeit“ zu bedanken. Okay, wir hatten noch einen weiteren Drehtag vor uns, und er wollte mich wohl motivieren, weiterhin „hart“ zu arbeiten, aber dennoch ist das sehr ungewöhnlich. Normalerweise bekommt man hier nichts geschenkt. Eher im Gegenteil. So liebenswert und nett die Chinesen im Alltag sind, so knallhart sind sie, wenn es ums Geld geht. Und je größer der Kunde, desto geiziger. „Client only small budget“ ist für mich mittlerweile ein Code dafür, dass es sich bei der Jobanfrage um einen Big Player handelt. So, wie zum Beispiel ByteDance. Der Mutterkonzern von TikTok wird mit 600 Milliarden Dollar bewertet. Allein mit TikTok nahm das Unternehmen im letzten Jahr 110 Milliarden Dollar ein. Ihr Filmproduktionsteam nötigte mir bzw. meiner Agentin am letzten Apriltag einen 20-prozentigen Discount ab, um TikTok in einem deutschsprachigen Werbefilm anzupreisen. Nach vier Stunden war das Gröbste im Kasten. Laut Skript hätten wir noch circa eine halbe Stunde für Extras gebraucht, sie verzichteten, um mir nicht 30 Minuten mehr Lohn zahlen zu müssen. „Danke für deine harte Arbeit!“
















