»Wie ein Junkie an der Nadel!«

Franz Xaver Kroetz lehnte anlässlich seines 80. Geburtstages alle Interviews ab. Derzeit gäbe es für ihn keinen triftigen Grund für Interviews, denn 80 sei für ihn nur eine Zahl, aber kein Ereignis, zu dem er Stellung beziehen möchte, ließ er verlauten. Ich würdige den Künstler, der meinen beruflichen Werdegang so sehr beeinflusst hat, daher mit einem älteren, aber zeitlosen Stück, denn ein Querkopf wie er steht ohnehin ewig zu dem, was er sagt. Über 70 Theaterstücke und ein Dutzend Bücher und Gedichtbände hat der Dramatiker geschrieben. Dennoch kennt man ihn vor allem als Baby Schimmerlos aus Helmut Dietls TV-Serie „Kir Royal“.

 

Grüß Gott, Herr Schimmerlos!

Mein Gott, ich kann’s nicht mehr hören. Dieses ewige Baby hier, Baby da, als hätte ich nichts anderes gemacht in meinem Leben. Ich war schon lange vor Kir Royal wer. Hatte bestimmt 50 Stücke geschrieben. Die Tätigkeit des Schauspielers empfinde ich als sehr viel minderwertiger als die freiheitliche Arbeit eines Schriftstellers. Beim Schreiben unterliegst du dem Talent und dem lieben Gott. Als Schauspieler fuchteln zehn Leute an dir herum, dann sagst du fünf doofe Sätze und gehst wieder in deinen Wohnwagen. Und wenn du Pech hast, hast du auch noch einen Regisseur, der alles zehnmal wiederholt.

 

Und dann platzt dem Kroetz der Kragen?

Kann passieren, mit devot sein habe ich’s nicht so. Deswegen bekomme ich auch nicht viele Angebote. Ich bin als Troublemaker verschrien und stehe auf einigen Roten Listen. Das hat natürlich damit zu tun, dass ich etwas cholerisch bin und ganz gerne mal Wutanfälle bekomme. Aber ich habe mich gebessert, bin viel friedlicher als früher. Mit dem steigenden Alter lassen die Kräfte nach. Diese Kämpfe strengen ja fürchterlich an. Nach so einem Wutanfall bin ich mittlerweile eine Viertelstunde lang fix und fertig – da lacht sich mein Gegenüber ja kaputt.

»Geld ist mir wurscht, weil ich es hab‘!«

Warum sind Sie so ein Querkopf?

Weil ich es mir leisten kann. Ich habe durch meine Theaterstücke seit Langem ein gutes Auskommen und muss nicht geschmeidig und stromlinienförmig durchs Leben gehen, nur damit ich wieder einen Job bekomme.

 

Nie für andere gebuckelt?

Doch vorher. Zwischen 18 und 23 hatte ich ein Dutzend Jobs: Bauarbeiter, Lagerist, Fahrer in der Großmarkthalle, Gärtner – war auch eine schöne Zeit. Keine Kunst, kein Schickimicki, sondern einfache, ehrliche Arbeit.

 

Sind Sie deswegen damals in die Kommunistische Partei eingetreten?

Ich wollte ein Zeichen setzen und mich von der Kultur-Bourgeoisie abgrenzen. Hat aber nicht geklappt, denn am Theater fanden die den jungen Kommunisten so schick, dass die Partei meiner Karriere und infolgedessen meinem Geldfluss sogar zuträglich war. 

 

»Zum Kommunistischen Parteitag fuhr ich im Mercedes 450 SE vor.«

Was machen Sie mit Ihrem Geld?

Ich hatte immer Spaß an luxuriösen Autos. Auch zum Kommunistischen Parteitag fuhr ich im Mercedes 450 SE vor. Außerdem habe ich drei Wohnsitze: in München, im Chiemgau und auf Teneriffa. Da pendle ich hin und her. Das ist mein Luxus. Bedeutet halt auch, dass man drei Waschmaschinen hat und drei Autos. Müsste ich auch nicht alles haben. Aber besser zu viel als zu wenig. Gerade wo heutzutage so viele alte Menschen Not leiden, empfinde ich es als großen Genuss, sagen zu können: „Geld ist mir wurscht, weil ich es hab’!“

»Vielleicht hätte ich weniger schreiben und mehr leben sollen.«

Was unterscheidet Sie vom jungen Kroetz?

Mit dem 25-jährigen Kroetz habe ich nicht mehr viel zu tun. Das ist leider so. Man stirbt unendlich viele Tode im Laufe seines Lebens. Ich konnte damals innerhalb von drei Tagen ein Theaterstück schreiben und jetzt bekomme ich oft in einem halben Jahr keinen guten Satz hin. Der junge Kroetz war sehr viel selbstsicherer und wusste mehr von der Welt, als ich jetzt weiß.

 

Reue?

Es gibt da einen Spruch, den ich vielleicht hätte beherzigen sollen: „Ich lebe kaum noch, ich schreibe nur noch.“ Ich bin viel vor dem Leben an den Schreibtisch geflüchtet und habe mir eine Welt erfunden, in der ich besser zurechtkam. Wahrscheinlich wäre etwas weniger schreiben und etwas mehr leben vernünftiger gewesen. Ich hätte ein Handwerk erlernen sollen, dann wäre die kreative Stille heute besser zu ertragen.

»Ich war wie ein Junkie an der Nadel«

Hat das Schreiben Ihre Ehe auf dem Gewissen?

Klar! Ich hing ja am Schreiben wie ein Junkie an der Nadel. Wenn ich an einem Stück saß, dann hat mich nichts anderes mehr interessiert auf der Welt – weder Frau noch Kinder. Gegen den Rausch, den ich beim Schreiben empfand, ist Koks geradezu lächerlich.

 

Warum so maßlos?

Als Schriftsteller mit fünf Kindern kann man nicht einfach nur ein wenig schreiben. Da musst du ganz schön ranklotzen, damit alle satt werden, und damit alle in frische Windeln scheißen können. Unglaublich, wie viel Kohle alleine für diese Windeln draufgegangen ist. Für meine fünf Kinder und dann auch noch für die Seniorenwindeln gegen die Inkontinenz meiner Schwiegermutter Maria Schell.

 

»Ich würde gerne mal diesen Berg von vollgeschissenen Windeln auf dem Münchner Marienplatz anhäufen, nur damit man mal sieht, wie viel ich geschuftet habe.«

Was hinterlassen Sie Ihren Kindern?

Ich wüsste nichts. Ich habe kein Rathaus entworfen und kein Olympiastadion gebaut, sondern nur irgendwelche dämlichen Stücke geschrieben. Wir Künstler sind wie Gemüsehändler. Unsere Ware verdirbt zu schnell. Was soll ich also meinen Kindern irgendwelche Krautköpfe hinterlassen, die eine Woche später verschimmelt sind.

 

Welche Funktion haben Frauen in Ihrem Leben?

Im Idealfall vermitteln sie mir Kontinuität und Bodenhaftung. Ich bin mein Leben lang immer gerne in Beziehungen gewesen. Leute, die fremdgehen, verstehe ich nicht. Ich finde, eine Frau ist anstrengend und mühevoll genug – ich wüsste gar nicht, was ich mit einer Zweiten soll. Ich bin treu und verlange, dass meine Partnerin akzeptiert, dass ich Künstler und kein Busfahrer bin. Und jünger muss sie natürlich sein, denn alt bin ich selbst und gleichaltrige Frauen finde ich nicht attraktiv.

Lebensmotto?

Eins bist du dem Leben schuldig: Kämpfe oder dulde in Ruh, bist du der Amboss, sei geduldig, bist du der Hammer, schlage zu!

Was soll mal auf dem Grabstein stehen?

Er war! Mal schauen, wie lange ich noch hab‘. Ich bin angeblich gesund. Zumindest tut mir nichts weh, was ich selbst nicht ganz versteh. Vielleicht bin ich auch schon tot und merk’ es nur nicht.

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