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Merry Xmas

Weihnachten. Endlich. Ich liebe es. Meine Deko steht seit Anfang November. Jingle Bells spielte bereits im Oktober. Ich kenne so ziemlich jeden Weihnachtsfilm. Und sollte mich Santa irgendwann bitten, in seine Fußstapfen zu treten, dann wäre ich sofort dabei. Nicht wenige belächeln mich für meine Liebe zu Weihnachten. Kaum einer aus meinem Umfeld kann damit etwas anfangen. Ja, viele empfinden Weihnachten gar als Graus. Ich kann mit solchen Grinchs wiederum auch nur bedingt etwas anfangen. Ich habe mich sogar schon mal von einer Partnerin getrennt, weil sie mir Weihnachten versaut hat. Denn wer an Weihnachten kein Herz zeigt, von dem ist auch sonst nicht viel zu erwarten.

Wenn man von einem Scrooge abstammt

Sogar mein Vater zeigte früher an Weihnachten Herz. Während meiner Kindheit herrschte bei uns zu Hause gefühlt immer Krieg. Nur an Weihnachten wurde nicht geschossen. Da war alles harmonisch und friedlich. Warum mein zorniger Vater ausgerechnet an Weihnachten aufweichte, vermag ich nicht zu sagen. Mit dem Herrgott oder der Kirche hatte er nichts am Hut. Vielleicht haben ihn die Scrooge-Geister nachts heimgesucht und ihm die Leviten gelesen. Keine Ahnung. Aber egal, in meiner trostlosen Kindheit war Weihnachten die einzige Zeit des Jahres, in der ich keine Angst haben musste. Ja, ich fühlte mich fast ein wenig geliebt. Dazu gab es Geschenke, leckeres Essen und schöne Musik. Klar, dass sich Weihnachten auf meiner Festplatte festbrannte.

Weihnachtsdeko? Bitte, gerne so viel wie geht!

In China renne ich mit meinem Weihnachtsfimmel offene Türen ein. Die Chinesen stehen total aufs Christfest. Es ist zwar kein Feiertag, es wird ganz normal gearbeitet, aber dennoch muss man im Parc Central von Guangzhou dieser Tage Nummern ziehen und bis zu 90 Minuten Wartezeit in Kauf nehmen, um die Weihnachtsdeko zu sehen. Und natürlich, um ein Foto vor dem Baum zu machen, ist klar, ohne Fotobeweis hat in China nichts einen Wert. Mit Werten haben sie es ohnehin nicht so. Die meisten glauben an nichts. Außer an Geld und Familie. Es fehlen ein paar ethische Standards, die im Westen ganz normal sind, auch weil wir sie durch unsere christlich geprägte Kultur verinnerlicht haben.

„Der Typ, der da am Kreuz hängt, ist euer Gott?“

Dass es beim Weihnachtsfest um mehr als nur bunte Lichter und Tannenbäume geht, weiß in China kaum jemand. Ist den meisten auch egal. Sachverhalte zu hinterfragen, ist ohnehin eine eher untypische chinesische Eigenschaft. Mein Lieblingsfotograf Uncle, den ich zusammen mit meiner Model-Kollegin Coral, in die Sacred Heart Cathedral von Guangzhou zitiert hatte, ist da eine rühmliche Ausnahme.

„Warum willst du ausgerechnet hier Weihnachtsfotos machen?“ 

„Wegen der Symbolik.“

„Hat Weihnachten etwas mit Religion zu tun?“

„Ja, wir feiern die Geburt von Jesus Christus.“

„Ah, das ist euer Gott, ja?“

„Ja, genau.“

„Das ist der Typ, der da am Kreuz hängt, ja?“

„Ja, derselbe Typ, nur etwas später.“

„Ah, verstehe.“

Weihnachten für Anfänger

Ursprung: Das Weihnachtsfest, wie wir es heute kennen, ist eine Verbindung verschiedener historischer und kultureller Traditionen. Die Geburt Jesu Christi wird seit dem 4. Jahrhundert am 25. Dezember gefeiert, obwohl das genaue Geburtsdatum biblisch nicht überliefert ist. Die frühe Kirche wählte dieses Datum vermutlich bewusst, um heidnische Winterfeste zu christianisieren. Denn der 25. Dezember wurde in den antiken Kulturen von Indien, Ägypten, Rom und Germanien als Tag der Sonnenwende gefeiert.

Licht in der Dunkelheit: Das Weihnachtsfest fällt in die dunkelste Jahreszeit der Nordhalbkugel. Kerzen, Lichter und der Weihnachtsstern symbolisieren Jesus als „Licht der Welt“ und die Hoffnung, die mit seiner Geburt in die Welt kam.

Der Weihnachtsbaum: Ursprünglich ein Symbol des Lebens mitten im Winter, wurde der immergrüne Baum zum christlichen Symbol für ewiges Leben und Paradies. Die Tradition entwickelte sich besonders im deutschen Sprachraum ab dem 16. Jahrhundert.

Krippe und Geburt im Stall: Die bescheidenen Umstände der Geburt symbolisieren christliche Werte wie Demut, Einfachheit und Gottes Zuwendung zu den Niedrigen. Die Krippe wurde besonders durch Franz von Assisi populär, der 1223 die erste lebende Krippenszene inszenierte.

Geschenke: Sie erinnern an die Gaben der Heiligen Drei Könige (Gold, Weihrauch, Myrrhe) und symbolisieren Liebe, Großzügigkeit und Gemeinschaft – zentrale christliche Werte.

„Was interessiert mich mein Nachbar?“

Heute hat Weihnachten für viele Menschen über den religiösen Kontext hinaus vor allem Bedeutung als Fest der Nächstenliebe. Etwas mehr Nächstenliebe würde den Chinesen auch gut zu Gesicht stehen. Der typische Chinese interessiert sich kaum für Menschen außerhalb seiner Familie. „Du hast in drei Monaten mehr über die Nachbarschaft herausgefunden als ich in drei Jahren“, erklärte mir meine Nachbarin Jiajia. „Ich kenne meine Nachbarn nicht. Das ist ganz normal bei uns. Wir grüßen uns nicht. Das erwartet auch keiner, und ich glaube, manche würden sich sogar erschrecken, wenn ich plötzlich das Gespräch suchen würde.“

„Du bist ein Verlierer in deiner Heimat? Komm nach China, um ernst genommen zu werden.“

Über die kontaktfreudige deutsche Langnase freut man sich in der Regel dennoch. Man ist aus irgendeinem perversen Grund zumeist extrem freundlich und hilfsbereit gegenüber Westlern, um nicht zu sagen devot. „Sie sind nur so nett zu dir, aber Chinesen sind gemein zu Chinesen“, pflegte meine Bestie Nikki in Shanghai zu sagen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich kapiert hatte, was sie meinte. Ich finde es sehr befremdlich, wie unterkühlt sie zum Teil miteinander umgehen. Und warum sie Westler so anhimmeln, werde ich wohl nie verstehen. Zumal hier ein paar furchtbar primitive Exemplare herumrennen, die sich das ungeniert zunutze machen. „Du bist ein Verlierer in deiner Heimat? Komm nach China, um ernst genommen zu werden.“ Junge Rapper in Chengdu nehmen kein Blatt vor den Mund. Recht haben sie.

China ist wie ein anderer Planet

Ich glaube manchmal, dass der Herrgott am letzten Schöpfungstag nicht mehr genug Zeit hatte, um ausreichend Chinesen zu basteln. Er hat daher Personal von anderen Planeten abgeworben. Als die Aliens ihn fragten, was sie denn dort zu tun hätten in diesem China, erklärte Gott: „Essen, schlafen und Kinder zeugen. Mehr ist es nicht. Ist ein easy Job.“ Dass sie arbeiten müssten, wie die Berserker, hatte er verschwiegen. Das nehmen ihm die Aliens bis heute übel. Gott ist in China persona non grata.

Toleranz, Toleranz, Toleranz…

Das würde erklären, warum sich China nicht wie ein anderes Land, sondern wie ein anderer Planet anfühlt. Es scheinen andere kosmische Gesetze zu gelten, die oft nicht nachvollziehbar sind. Man ist gut beraten, China nicht zu hinterfragen und verstehen zu wollen. Man ist gut beraten, einfach nur wahrzunehmen. Und vor allem nicht zu bewerten. Toleranz ist der Schlüssel, um hier klarzukommen. Wohl auch ein Grund, warum mich das Schicksal hierhin verschlagen hat. Toleranz war nie meine größte Stärke. Ja, laut meiner Astrologin wurde mir sogar eine gewisse Intoleranz in die Wiege gelegt. In mir wohnt also auch ein kleiner Scrooge. Ich dachte, ich hätte ihn gezähmt. Bis ich nach China kam. China ist die Champions League für jeden Scrooge. Wer es schafft, Aliens zu lieben, der muss ein Herz aus Gold haben. Ja, der kann vielleicht irgendwann sogar Santa werden.

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