Der gefährlichste Tag des Jahres

Glückwunsch, lieber Leser, Sie haben offensichtlich den gefährlichsten Tag des Jahres überlebt. Der war am Freitag (19. Juni 2026). Der fünfte Tag des fünften Monats gilt nach chinesischem Mondkalender als unglücklichstes Datum des Jahres. An keinem anderen Tag befinden sich Yin und Yang in einem derartigen Ungleichgewicht. Es hat mit dem Sommeranfang zu tun, wegen dem das Yang (die Hitze) übermächtig wird. Giftschlangen und Ungeziefer kriechen aus ihren Löchern. Seuchen haben Hochkonjunktur. Das lockt böse Geister an. Dämonen treiben ihr Unwesen.

 

Um Yin und Yang auszubalancieren, werden in China seit über 2000 Jahren verschiedene Rituale vollzogen. Das Bekannteste ist das Drachenbootrennen. Man ruft den mächtigsten Wassergott (den Drachen) herbei, um kühlendes Wasser (Yin) zu bringen. In der chinesischen Mythologie ist der Drache zwar ein feuerspuckendes Yang-Wesen, aber seine wichtigste Aufgabe ist es dennoch, das Wasser zu beherrschen. Er ist der Gott des Regens, der Flüsse und der Meere.

Deutscher Drache im Einsatz

Da ich im chinesischen Tierkreiszeichen ein Drache bin, war mein Einsatz gefordert. Endlich. Seit Jahren hatte ich vergebens versucht, einen Platz in den begehrten Ruderbooten zu bekommen. Eine Ehre, die den meisten Chinesen ein Leben lang verwehrt bleibt, denn in vielen Regionen ist das Drachenbootrennen kein Spaß, sondern blutiger Ernst. Es gilt die Ehre des jeweiligen Stadtviertels zu verteidigen. Dafür wird oft das ganze Jahr trainiert. Nur die Besten bekommen einen Stammplatz. Es gibt Boote, die bis zu 500 000 Euro kosten. Und wenn ein reicher Sponsor dahintersteht, sitzen in dem Boot auch gerne mal bezahlte Top-Athleten. Oder eben deutsche Drachen.

Da es während des Trainings stark geregnet hatte, gab es einige erkältungsbedingte Ausfälle im „Team Shekou“, sodass ich ins Spiel kam. Zumal man es in meiner Heimat Shenzhen ohnehin nicht so genau nimmt mit Traditionen, da es die Stadt vor 30 Jahren noch gar nicht gab. Ich bekam daher um sieben Uhr morgens einen Crashkurs, um dann um 9 Uhr mit 22 Expats an den Start zu gehen. Nicht ohne vorher einen Schluck arsenhaltigen Realgarwein getrunken zu haben, der böse Geister und Schlangen fernhalten soll. Wer das giftige Gebräu intus hat, dem kann ein Schlangenbiss nichts anhaben. Im Gegenteil, bei einem Biss muss eher die Schlange um ihr Leben fürchten.

Zongzi: mehr als nur Reisknödel

Auch hatte ich ein paar Zongzi im Gepäck. Die Reisklößchen sind ein wichtiger Bestandteil des Festes, an dem zeitgleich Chinas Dichterpersönlichkeit Qu Yuan (278 v. Chr.) gedacht wird, nach dessen Gedicht Tianwen, Himmelsfragen, alle chinesischen Raumfahrtmissionen benannt sind. Er wurde einst wegen seiner unpopulären politischen Ansichten vom Herrscherhof gejagt, irrte heimatlos durchs Land, bis er sich im Fluss Miluo Jiang ertränkte. In der Folge hatten Anwohner Zongzi ins Wasser geworfen, damit die Fische seinen Leichnam nicht fressen. Das Essen der Zongzi ist ein Akt des kollektiven Gedächtnisses. Es hält die Geschichte eines Märtyrers, der für Integrität und Loyalität gestorben ist, aufrecht. 

Yin und Yang im Iran 

In der Wasserstraße von Hormus fahren jetzt auch wieder Boote. Sinnigerweise hat man im Iran parallel zum Drachenbootfest ein Abkommen geschlossen, um das Yin und Yang wieder in Einklang zu bringen. Alles soll wieder wie vor dem Krieg sein. Also fast. Einiger Unterschied: Es werden künftig Gebühren für das Durchqueren der einst gratis befahrbaren Wasserstraße fällig, und die Versicherungsprämien für die Schiffsladungen haben sich um das 20- bis 30-Fache erhöht. Das wird weltweite Preiserhöhungen in verschiedenen Lebensbereichen nach sich ziehen und dem Iran viele Dollars in die Kassen spülen, um sein Atomprogramm zu perfektionieren. Über 300 Milliarden Dollar haben die USA sich den Einsatz kosten lassen. Und dabei mehr als 3000 Perser abgeschlachtet. Konsequenzen hat das für die Verantwortlichen natürlich nicht.

 

Jede schlechte Tat verdient ihre gerechte Belohnung.

Karmische Gesetze scheinen lange ausgehebelt. „Was du aussendest, kommt in gleicher Form zu dir zurück.“ „Lügen haben kurze Beine.“ „Die Wahrheit kommt immer ans Licht.“ All die Binsenweisheiten, die wir uns früher auf die Flagge geschrieben haben, funktionieren nicht mehr. Die Wahrheit kommt zwar immer noch ans Licht, aber sie interessiert niemanden mehr bzw. sie birgt keine Konsequenzen. Im Gegenteil: Das Netto-Privatvermögen von Donald Trump ist in seiner zweiten Amtszeit um drei Milliarden US-Dollar angestiegen. Bei seinen Bossen Mark Zuckerberg, Elon Musk und Jeff Bezos sind die Gewinne natürlich deutlich höher ausgefallen. Das neue karmische Gesetz lautet: Jede schlechte Tat verdient ihre gerechte Belohnung.

Das Yang regiert die Welt

Yin und Yang? Wen jucken Gleichgewichte? Längst dominiert das Feuer. Man nimmt zwar wahr, dass die Welt von einer korrupten Mörderbande dirigiert wird, aber deren Fußballweltmeisterschaft wird trotzdem nicht boykottiert. Warum auch? Fußball hat doch nichts mit Politik zu tun. Genauso wie 5000 US-Dollar für ein Stadion-Ticket nichts mit Korruption zu tun haben. Genauso wie die FIFA eine Non-Profit-Organisation ist, deren Mitarbeiter allesamt quasi ehrenamtlich arbeiten. Ausgenommen ihrer Anwältin Loretta Lynch. Die ehemalige US-Justizministerin, die einst zu Ruhm gelangte, weil sie korrupte FIFA-Funktionäre einsperrte, wird natürlich siebenstellig entlohnt. Schließlich hat sie alle Hände voll zu tun, damit Gianni Infantino sauber dasteht. Wer weiß, vielleicht bekommt Infantino für seine Verdienste im Anschluss an die WM sogar den Friedensnobelpreis verliehen.

Wie geht man mit Verbrechern um?

Einzig die Chinesen haben der FIFA gezeigt, wo der Hammer hängt. Anstatt der geforderten 300 Millionen US-Dollar für die TV-Rechte an der aktuellen WM, zahlten sie nur 60 Millionen US-Dollar für diese und die nächste (!) WM. Und selbst dafür mussten die FIFA-Funktionäre noch bitten und betteln. Erst drei Wochen vor Turnierbeginn hat man sich in Peking zu einer Vertragsunterzeichnung herabgelassen. Ja, die Chinesen sind einfach geübter im Umgang mit Verbrechern.

 

Ich frage mich, ob man wirklich mit Verbrechern umgehen muss. Muss man dem Abschaum der Welt noch diplomatisch begegnen? Muss man sich diesen neuen Zeiten anpassen? Oder sollten wir alle lieber mehr Greta Thunberg sein? Der schwedische Aktivistenzwerg schenkte Donald Trump zum Geburtstag eine Dose Buchstabensuppe. »Die Sätze, die du auskackst, werden zusammenhängender sein, als alles, was du jemals gesagt hast.«

2 Kommentare zu „Der gefährlichste Tag des Jahres“

  1. Hallo Armin, ich lese immer sehr gerne Deine Blog Beiträge. Was ich im Zusammenhang mit dem Drachenboot Festival und der damit zusammenhängenden Tradition des Zongzi-Essens lernen durfte ist, Zongzi ist nicht gleich Zongzi. Im Norden Chinas ist wohl die süsse Zongzi Variante bevorzugt, wohingegen im Süden eher die salzige Version bevorzugt wird. Gerne auch mit Fleisch gefüllt ☺️.
    Deine neue Heimatstadt Shenzhen steht bei mir auch noch auf der backlog Liste. Dauert hoffentlich nicht mehr so lange.
    Freue mich auf Deinen nächsten Blog!
    VG aus Speyer, Jürgen

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