Model oder Escort?

 

Marco Novella: Local Godfather of Catwalk & Nightlife

„Das Essen ist des Volkes Himmelsreich“, pflegte man in der alten Han-Dynastie zu sagen. Das Himmelsreich der hiesigen Model-Szene sind die Dinner-Partys von Marco Novella. Der 35-jährige Mailänder gibt den Ton an in Pekings Nachtleben wie kein anderer. Das Profi-Model ist seit sieben Jahren ortsansässig und dominiert nicht nur die hiesigen Laufstege, sondern als PR-Agent auch die Party-Szene. Zweimal die Woche veranstaltet im UNICO-Club ein Model-Dinner mit anschließender Party. Essen und Trinken sind frei. Natürlich. Sonst käme kein Model hier vorbei.

 

Als Model zahlst Du normal in keinem Club in Peking. Im Gegenteil, viele Clubs zahlen sogar Geld für Deine Anwesenheit. Binnen weniger Tage hatten auch mich über virtuelle Kanäle diverse Einladungen von Clubs erreicht. Sie boten mir einen Tisch und Getränke aufs Haus an. Ich habe es nie wahrgenommen, aber ich weiß von einigen Model-Küken, Jungs wie Mädels, dass sie sich damit ihr Taschengeld aufbessern. Da sie allesamt ihre Gagen erst nach Ablauf ihrer Dreimonatsverträge ausgezahlt bekommen, sind sie dankbar für ein wenig extra Cash. 50 Euro gibt’s, damit sie wenigstens vier Stunden verweilen.

 

1/3 Club zahlt 350 RMB (46 Euro) an Models – für vier Stunden Anwesenheit

Wenn die vier Stunden vorüber sind, gibt’s nicht selten Nachschlag, „Und wenn du bereits bist, einem chinesischen Gast die Champagnerfalsche zu servieren, gibt’s nochmal 50 extra. Die freuen sich, wenn sie von weißen Mädels bedient werden,“ erzählt mir eine 19-jährige Ukrainerin. Dementsprechend lang können ihre Nächte werden. Zum frühmorgendlichen Casting-Marathon steht sie mit ihren Kolleginnen trotzdem immer pünktlich auf der Matte. „Wir sind jung, da kann man das schon mal wegstecken.“  Die Agenturen sehen derlei Exkursionen nicht so gerne, schließlich haben sie Models und keine Escorts einfliegen lassen. 

Model-Papi Marco verteidigt die jungen Kollegen. „Es mag wie Escort klingen, aber es ist keiner. Da geht es nicht um Sex, das gehört einfach zum hiesigen System. Die Clubs wollen ihren vermögenden chinesischen Gästen internationales Flair bieten, damit die sich als Teil von was Größerem fühlen und mehr Geld ausgeben. Und die Models haben einen spaßigen Abend im Club und bekommen auch noch Geld dafür. Was soll daran falsch sein?“ Er selber muss der Model-Community kein Geld zahlen, damit sie bei ihm antanzt, schließlich ist er einer von ihnen. Und die vielen ausländischen Jungmodels wissen genau, wie wertvoll das Netzwerk von Marco Novella ist. Marco kennt alles und jeden. Marco ist eine Art Pate der Szene. 

Marcos Spielwiese: das UNICO

Er lebt davon, Menschen zusammenzubringen. Dafür bezahlen ihn die Nachtclubs. Er bringt nicht nur hübsche Mädels, er sorgt auch dafür, dass diese ein paar potenzielle Kunden treffen und dass ein paar vermögende Geschäftsleute am Tresen sitzen. „Nur von dem Modeln alleine könnte ich hier nicht leben. Der Markt ist zwar groß, aber ist vor allem auf ganz junge Models fokussiert. Da bietet es sich an, dass du als PR arbeitest. Als Weißer stehen dir hier viele Türen offen.“

In der Tat habe ich einige Europäer getroffen, die sich hier, ohne besondere Qualifikation, relativ gut durchschlagen. In verschiedensten Bereichen. Und sei es nur als Trophäenmann für vermögende Chinesinnen. „Sie holen dich mit dem Ferrari ab und fahren mit dir in ihrem Stammlokal vor, um vor ihren Freunden mit dir anzugeben. Echtes Interesse an dir haben sie nicht. Sie finden es einfach nur schick, sich cosmopolit zu geben“, weiß Marco Andrea, 35, ein anderes fest ansässiges italienisches Model zu berichten. Da er ebenfalls in diversen Branchen tätig ist, studiert er mittlerweile chinesisch. „Als Europäer hast du hier einen Wettbewerbsvorteil, der zwar ausreicht, um sich halbwegs über Wasser halten kann, aber wenn du in der hiesigen Geschäftswelt richtig mitspielen willst, dann musst du Chinesisch sprechen. Dann erfährst du eine ganze andere Wertschätzung. Dann öffnen sich neue Türen.“ Ich hingegen muss kein Chinesisch studieren, um in der Geschäftswelt ernst genommen zu werden. Die Ferrari-Fahrerin, die mir über WeChat wenig später ins Haus flatterte, wollte mich nämlich nicht als Toy Boy akquirieren. Sie wollte mir einen Bitcoin-Deal schmackhaft machen. Tja, zum Casanova reicht’s halt nicht mehr.

 

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