Zum Inhalt springen

Hassliebe Guangdong

Die Kassiererin im Freibad am Pearl River von Guangzhou-Haizhu macht große Augen, als sie mich sieht. Hier kommen offensichtlich nicht oft Ausländer vorbei. Dass ich zum Schwimmen da bin, ist eigentlich selbsterklärend, aber da in China prinzipiell nichts selbstverständlich ist, betone ich es sicherheitshalber nochmal. Sie verlangt 60 RMB. Ich protestiere, da auf der Leuchttafel ein Eintrittspreis von 40 RMB angepriesen wird. Sie erklärt mir, dass das dies der Preis fürs knietiefe Familienbecken sei und der Zugang zum tiefen Schwimmbecken teurer sei.

Als ich zehn Minuten später vor besagtem Becken stehe, versperrt mir eine Kette den Zugang.  Daneben ein Schild: Geschlossen von 17 Uhr bis 19 Uhr. Es ist 17.15 Uhr, und ich hasse die Kassiererin. Was tun? Zurück zur Kasse und mein Geld zurückverlangen? Das würde eines 20-minütigen Übersetzungsmarathons bedürfen, die Kassiererin würde ihre Kollegen zur Hilfe rufen, man würde diskutieren, der Manager würde kommen, man würde wieder diskutieren, ich würde laut werden müssen, was immer hilft in China, und nach circa 45 Minuten würde man mir mein Geld zurückerstatten. Daher: Scheiß drauf!

„Die Wolken lügen, es wird heute nicht regnen!“

Der Bademeister, der meinen Unmut bemerkt, meint, ich solle mich entspannen: „Ist doch kein Problem, in zwei Stunden sperre ich den Pool wieder auf.“ Dafür würde ich ihm eigentlich gerne den Stinkefinger zeigen, aber da zwei Stunden Warten hierzulande keine große Sache sind, wollte er mich damit tatsächlich aufmuntern. „Ich werde nicht warten, denn es wird gleich regnen“, erkläre ich ihm. „Regnen? Nein, heute regnet es nicht.“ Wir haben Taifun-Saison und der pechschwarze Horizont verspricht mehr als nur ein wenig Regen. Er ignoriert das Offensichtliche, studiert stattdessen den Wetterbericht auf seinem Smartphone und erklärt mir erneut, dass heute kein Regen zu erwarten sei. Die vielen Familien im Planschbecken sehen das offensichtlich genauso, denn als eine halbe Stunde die Welt untergeht, bin ich der Einzige, der dies trockenen Fußes vom benachbarten Restaurant aus beobachtet.

Wenn plötzlich alle aus dem Freibad rennen und sich um die Taxis streiten.

Wenn die Nerven blank liegen

In besagtem Restaurant serviert man mir meine bestellten Speisen und stellt mir ungefragt einen Teller mit irgendeinem weißen Fladen dazu. „Ein Geschenk des Hauses. Das ist gut für dich.“ Geschenkte chinesische Speisen lehne ich für gewöhnlich ab, insbesondere wenn sie angeblich gut für mich sind, oder Glück bringen sollen, da das zumeist ungenießbar ist. Der weiße, süßliche Fladen schmeckt jedoch vorzüglich, sodass ich beim Zahlen später von der Kellnerin wissen will, was das denn gewesen ist. „Kein Problem, vergiss es.“ „Nein, ich meine, was war das?“ „Es ist gut für dich.“ „Aber wie heißt es denn?“ „Kein Problem.“ „Bitte sag mir, wie das weiße Zeug heißt, damit ich es wieder bestellen kann.“ „Es war ein Geschenk.“ Ich werde laut. „Was ist dein Problem? Warum sagst du mir nicht einfach, wie das Essen heißt?“ Der Manager kommt aufgeregt herbeigeeilt. Er überprüft meine Rechnung. „Kein Problem, Sir. Das Essen wurde ihnen nicht berechnet.“ Wollt ihr mich verarschen? Ich rausche wutentbrannt davon.

Auf dem Heimweg gerate ich mit meinem Moped in eine Polizeikontrolle. Ich fahre ohne Helm, wie so ziemlich jeder in Guangzhou bei 38 Grad. Ich werde wütend und schimpfe. „Alle fahren ohne Helm. Und du stoppst nur den Ausländer. Bist du ein Rassist?“ Nein, alle müssen Strafe zahlen, wenn sie ohne Helm fahren, erklärt er mir. Rund ein Dutzend Mopedfahrer ohne Helm passieren während unseres 20-minütigen Diskurses. Seine Kollegen versuchen auf meinen Protest hin, diese ebenfalls zu stoppen. Vergebens. Kein Mensch ist so blöd, dass er bei einer Polizeikontrolle in Guangzhou anhalten würde. So etwas macht nur der blöde Ausländer.

Was interessieren mich die anderen?

Meine guten Umgangsformen kosten mich nicht nur Geld, sie bescheren mir auch wohlwollendes Ansehen. Ich bin wahrscheinlich der einzige Mieter in meinem Gebäude, der stets den Pförtner grüßt. Für gewöhnlich interessiert man sich hierzulande nicht für seine Nachbarn. Ja, die meisten sehen mich gar nicht, da sie stets apathisch in ihr Smartphone starren, während sie wie ferngesteuert im Hausflur an mir vorbeischlurfen. Noch weniger interessiert man sich für Arbeitskollegen. Mit deutlicher Verspätung erschien unlängst ein Produktionsteam zu Dreharbeiten. Sie hatten im Stau gestanden und waren insgesamt fünf Stunden zu sechst in einem Auto gesessen. Als ich den Make-up-Artist beim Schminken später frage, wer denn der Typ am Steuer des Wagens gewesen sei, meint er: „Keine Ahnung.“ „Und wer von denen ist der Boss?“ „Keine Ahnung.“ „Habt ihr euch nicht einander vorgestellt?“ „Nein.“ „Und worüber habt ihr gesprochen in den sechs Stunden Autofahrt?“ „Gesprochen?“ „Ja, reden und so.“ „Wir haben nicht gesprochen.“

Im Süden weht ein rauherer Wind.

Mein Vermieter spricht ebenfalls nicht mit mir. Zumindest nicht, wenn ich was von ihm brauche. Er kommt nur zum Kassieren. So habe ich mir den fehlenden Klodeckel für fünf Euro selbst besorgt und die freundlichen Damen an der Rezeption gebeten, mir den Hausmeister zu schicken, um selbigen zu montieren. Der poltert mit dreckigen Schuhen durch meine Wohnung und brüllt mich auf Kantonesisch an, wohlwissend, dass ich kein Wort verstehe. Als er von mir eine Vorauszahlung von 20 Euro für den zehnminütigen Klodeckel-Job haben will, platzt mir der Kragen und ich schmeiße ihn raus. 

Wie gerne hätte ich ihm für die Unverschämtheit eine aufs Maul gehauen, aber ich traue mich nicht. Ich will nichts riskieren. Gerade erst hatte ein Landsmann berichtet, wie ungemütlich sein einwöchiger Gefängnisaufenthalt in einer 16-Mann-Zelle gewesen sei. Ich kontaktiere daher lieber meinen ehemaligen Hausmeister, der sofort bereitwillig 28 Kilometer mit dem Moped anreist und sehr glücklich ist, dass er mir den Klodeckel für einen Stundenlohn von sechs Euro wechseln darf und mir zudem noch eine Tüte Lychees aus dem Garten seiner Familie mitbringt.

Wenn sich Liebe und Hass die Klinke in die Hand geben

Ja, es gibt sehr viele nette Menschen in China. Viel mehr als im Rest der Welt. Es gibt aber auch viel mehr unangenehme Menschen als im Rest der Welt. (Indien wollen wir mal ausklammern.) Für die habe ich trotz Sprachbarrieren mittlerweile ein gutes Gespür, zumal ich in Guangzhou öfter mit ihnen konfrontiert werde als in Shanghai. In Shanghai bekommt man als Ausländer den ganzen Tag lang Puderzucker in den Arsch geblasen. Im Süden der Volksrepublik gibt man sich deutlich weniger devot. Das macht das Leben ehrlicher, aber halt auch anstrengender. Vor allem, wenn man so dumm ist und kein Chinesisch spricht. Dafür hasse ich mich dieser Tage selbst auch.

Es gibt erstaunlich viele Westler, die seit Jahren hier leben und die Landessprache nicht beherrschen. So, wie Hans, der keinen einzigen Satz formulieren kann, obgleich er seit fünf Jahren Haus und Bett mit einer Chinesin teilt, die kein Wort Englisch spricht. Im Bett sei das kein Problem, wie er mir erklärt, und am Frühstückstisch würden sie sich via Smartphone unterhalten. Die Begegnung war mein Weckruf. So will ich nicht enden. Ich lerne seitdem fleißig meine Vokabeln.

Swan Lake Spa in Foshan

Ein Paradies für Schwule

In der riesigen Volksrepublik gibt es naturgemäß von allem mehr. Auch Schwule. Ich schätze, dass circa zehn Prozent der Genossen und Genossinnen queer sind. Schon mein allererstes Date in China outete sich beim romantischen Abendessen als Lesbe. Ich erinnere mich noch genau, wie enttäuscht ich damals war. Mittlerweile enttäusche ich. Keine Damen, sondern schwule Männer. Ich habe im Laufe der Zeit unzählige mehr oder minder romantische Avancen abwehren müssen. Vor allem in der Sauna kommt man hier gerne schnell zu Sache. Masturbierende Jungs im Dampfbad erschrecken mich schon lange nicht mehr. Die Bademeister, die einen im Nassbereich mit Seife abschrubben, sind sehr gründlich und lassen keine intimen Bereiche aus. Das ist ein gängiges heterosexuelles Badehausritual. Dass einem dabei die Prostata beidseitig massiert wird und man plötzlich einen Finger im Arsch stecken hat, ist jedoch ein Privileg, das wahrscheinlich nur mir zugutekommt.

Bruno fickt alles, was er vor die Flinte bekommt.

Bruno, 55, kann nicht verstehen, warum ich das alles nicht genieße. Der schwule französische Textilunternehmer fickt seit dreißig Jahren alles, was ihm in China vor die Flinte kommt. Und seine Flinte ist riesig. Ich habe sie leider gesehen, da er sie an der Bar des W-Hotels ungefragt kurz ausgepackt hat. An der Stelle sei erwähnt, dass der Franzosenlümmel ein Drogenproblem hat. Bruno nimmt auch da, in Ermangelung von großer Auswahl, alles, was er bekommen kann, bevorzugt aber Kokain. Und wer in China Kokain konsumiert, muss entweder schwerstabhängig oder verrückt sein. Auf Bruno trifft wahrscheinlich beides zu. Sein Lebensgefährte, ein konservativer Parteifunktionär, der seine Homosexualität nur im dunklen Kämmerchen auslebt, hat angeblich keine Ahnung vom Doppelleben seines Partners.

Der wohlhabende Bruno lässt sich das Kokain zumeist von Afrikanern in seine Zweitwohnung liefern. Sie würden gelegentlich direkt vom Flughafen zu ihm kommen, um die geschmuggelten Drogenkapseln in seinem Badezimmer auszukacken, weil es bei ihm zu Hause so schön entspannt sei, wie er mir stolz erklärt. Natürlich müssen sie sich, wenn der Darm entleert ist, im Gegenzug dafür von Bruno rektal bespringen lassen. Oder auch umgekehrt. So genau weiß ich das nicht mehr. Bruno hat es mir zwar sehr bildlich erklärt, aber ich habe es nach ein paar schlaflosen Nächten erfolgreich aus meinem Gedächtnis löschen können.

Hunde & Schwule verboten!

Epilog: Ich sitze auf der untersten Stufe in der Sauna, als klein Adolf plötzlich eintritt. Er baut sich breitbeinig vor mir auf und sein verkümmertes Schwänzchen, das kaum aus dem schwarzen Busch herausragt, befindet sich auf meiner Augenhöhe. In einem Abstand von 50 Zentimetern. Ich versuche mir vorzustellen, was man mit so einem Würmchen im Alltag anfangen kann, und empfinde ein wenig Mitleid. Dann wird mir übel. Dann werde ich sauer. Ich denke an die Worte von Lu, meinem Münchner Boxtrainer: „Wer nicht wenigstens eine Armlänge Abstand hält, den darfst du einfach umhauen.“ Ich kaue auf der Möglichkeit herum. Ich wäge die Konsequenzen ab. Pros und Contras. Ich zögere, da nimmt Adolf mir die Entscheidung ab. „Germany very good. I like Adolf Hitler. Hitler very powerful.“

Ich denke, er wird sich mit derlei Äußerungen gegenüber Fremden zukünftig zurückhalten. Sein Wurm wird vermutlich Wochen brauchen, bis er sich von meinem Knie erholt hat. Es gibt einiges Geschrei und Gejammer, aber er hat keine Chance gegen mich, denn ich bin gern gesehener Stammgast in besagtem Spa. Er wird infolge des Hauses verwiesen und der Manager entschuldigt sich bei mir für die sexuelle Belästigung: „Es tut mir wirklich sehr leid, das wäre in den alten Zeiten nie passiert. Früher hatten wir am Eingang noch ein Schild stehen: Kein Zutritt für Hunde und Schwule! Aber wegen dieser neuen Diversität mussten wir das Schild leider entfernen.“ Ach ja, die guten alten Zeiten.

Ein Kommentar

  1. Das ist so geschrieben, wie wenn man live dabei sein könnte. Wunderbar, lieber Armin, Dankeschön!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.