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An welchem Zaubertrank hast du genascht, Bibi Johns?

Happy Birthday, herzallerliebste Bibi. Ich wünsche dir noch viele, viele schöne Jahre.

Es gibt sie länger als ABBA und IKEA. Als die gebürtige Schwedin Bibi Johns mit „Bella Bimba“ (1953) ihren Schlager-Durchbruch feierte, kannte man hierzulande aus Schweden allerhöchstens ein Exportgut: das Knäckebrot. Mit ihrer Musik und ihren Filmerfolgen an der Seite von Stars wie Peter Alexander („Wir sehn uns wieder“) oder Theo Lingen („Wie werde ich Filmstar?“), änderte sich das. Bis heute ist Bibi ihrer künstlerischen Heimat Deutschland treu geblieben. Am 21.01.2026 begeht sie in ihrer Münchner Wahlheimat ihren 97. Geburtstag. Ein Hausbesuch in einem schwedischen Fertighaus. In der Garage ein Volvo namens Knut. So viel Schweden muss sein.

Heute schon gesungen, Bibi?

Nein, ich singe nicht mehr. Weder professionell noch privat. Als ich vor zwölf Jahren merkte, dass meine Stimme nicht wie früher klingt, habe ich sofort damit aufgehört. Der Anspruch an mich selbst ist zu groß, als dass ich mich mit halben Sachen zufriedengeben würde. Ich wollte es nie so weit kommen lassen, dass die Leute sagen: „Für ihr Alter klingt sie noch ganz gut.“

Die meisten deiner Kollegen wären damit durchaus zufrieden.

Weil die, im Gegensatz zu mir, auf der Bühne stehen, um sich zu produzieren. Mir ging es immer nur um die Musik. Ich war nie eine Rampensau. Schon als Kind war es mir unangenehm, wenn man mir beim Singen zusah. Ich sang zwar gerne mal was vor, wenn meine Eltern Besuch hatten, weil es da immer etwas Taschengeld zu holen gab, aber versteckte mich dabei stets unterm Tisch, damit mich bloß keiner dabei beobachtete. Eigentlich hat sich das mein Leben lang nicht geändert. Ich fühlte mich immer im Studio wohler als auf der Bühne.

An welchem Zaubertrank hast du genascht?

An keinem, ich war einfach immer recht brav. Das hat sich wohl gesundheitlich bezahlt gemacht. Was mir viel geholfen hat, ist meine Freundschaft zu Gertraud Gruber, deren Schönheitsfarm am Tegernsee ich seit über 50 Jahren regelmäßig aufsuche. Die Gruberin war eine fantastische Frau, die selbst 100 Jahre alt wurde. Sie hat mich zu Yoga-Retreats mitgenommen und mich in die Meditation und Qigong eingeführt. In Kombination mit einer gesunden Ernährung hält mich das fit.

„Man könnte mich durchaus als langweilig bezeichnen.“

Ich habe zweimal Botox an mich rangelassen, danach sah ich schlimmer aus als vorher. Ich brauche so was nicht. Vielleicht auch, weil ich so ein lasterfreies Leben geführt habe. Rauchen war nichts für mich, Alkohol habe ich schlecht vertragen und mit Drogen bin ich ohnehin nie in Kontakt gekommen. Ich trinke gelegentlich mal ein Gläschen Sekt, aber ich kann mich nicht mal an einen Schwips erinnern.

„Ich kann mich nicht mal an einen Schwips erinnern.“

Dafür habe ich es sehr genossen, Kollegen wie Zarah Leander in feuchtfröhlicher Stimmung zu beobachten. Die war oft betrunken und hat komischerweise trotzdem einen guten Job gemacht. Ich erinnere mich, wie wir Backstage auf einen TV-Auftritt warteten und der Aufnahmeleiter sie fragte: „Wo wollen Sie denn geschminkt werden, gnädige Frau?“ Sie: „Na im Gesicht, junger Mann, wo denn sonst?“ Das war typisch für sie.

Selbst Zarah Leander hat dich nicht auf die dunkle Seite ziehen können?

Nein, ich war immer sehr auf meine Musik fokussiert. Wenn ich etwas mache, dann immer hundertprozentig. Und Multitasking kann ich ohnehin nicht. Immer nur eins nach dem anderen. Deswegen hätte ich auch nie Kinder haben können, weil Musik und Kinder, das hätte ich nicht miteinander vereinbaren können. Ich bewundere Kolleginnen, die beides unter einen Hut bekommen.

Frauen waren damals noch Freiwild, oder?

Trotzdem ist mir nichts wirklich Schlimmes widerfahren, außer einer unangenehmen Erfahrung in Amerika. Ich hatte einen Vertrag mit der Plattenfirma RCA und wurde einbestellt, um über die Verlängerung zu sprechen. Da wollte mich der Produzent plötzlich küssen. Ich war entsetzt und bin einfach weggerannt. Der Vertrag war natürlich futsch.

Obwohl leidenschaftliche Autofahrerin gab Bibi ihren Führerschein nach 76 unfallfreien Jahren freiwillig bei der Polizei ab.

Auf einer Bühne mit Harry Belafonte und Eartha Kitt

Es war immer ein Traum von mir, nach Amerika zu gehen, und irgendwann half mir die Cousine meiner Großmutter in Minneapolis, ihn zu verwirklichen, indem sie mir mit allen Papieren half, um auswandern zu können. Ich war 22 und zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Durch merkwürdige Zufälle hatte ich in kurzer Zeit einen Plattenvertrag und eine Agentur, durch die ich Engagements wie im angesagten Nachtklub, dem „Blue Angel“, bekam. Am ersten Abend lag in meiner Garderobe ein Telegramm eines Fremden, der mir viel Glück wünschte. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Harry Belafonte war. Er trat im gleichen Klub auf, genauso wie Eartha Kitt, beide noch völlig unbekannt. Es war schon kein schlechtes Terrain, in diesem Klub zu arbeiten. Ein Talent-Scout von Warner Brothers sah mich dort und bot mir einen Sieben-Jahres-Vertrag an. Ich nahm das telefonbuchdicke Dokument mit nach Hause zu der Familie Edgar, bei der ich damals wohnte. Die zeigten den Vertrag ihrem Rechtsanwalt, der mir riet, so einen „Sklavenvertrag“ nicht zu unterschreiben. Ich hörte auf ihn, dabei war das ein ganz normaler, handelsüblicher Vertrag.

Bereust du das?

Nein, es hat eben nicht sein sollen. Ich bereue gar nichts, ich bin prinzipiell kein Mensch, der zurückschaut. Die Vergangenheit ist etwas Abstraktes, die mich als junge Frau schon nicht interessiert hat. Damals hatte ich nur die Zukunft vor Augen, was eigentlich genauso ein Blödsinn ist. Heute bemühe ich mich im Hier und Jetzt zu leben. Gerade wenn man weiß, dass man nicht mehr so viel Zeit hat, sollte man sie in Dankbarkeit genießen, statt in Erinnerungen zu schwelgen.

Wie war es, mit Stars wie Peter Alexander zu arbeiten?

Ich kann mich gut an unseren ersten Drehtag erinnern. Ich kam aus Schweden, wo sich alle duzten, und meinte zu ihm: „Wollen wir uns nicht duzen?“ Und er: „Ich duze nicht gerne!“ Da habe ich gemerkt, dass ich einen Fehler gemacht habe. Hat trotzdem gut genug harmoniert, um drei Filme mit ihm zu machen. Karlheinz Böhm war übrigens genauso distanziert.

Warst du mal verliebt in einen deiner berühmten Kollegen?

Nein, so was muss man vermeiden, es ist für die Arbeit nicht gut. Ich habe mit Männern ohnehin nicht viel Glück gehabt. Meine erste Ehe mit einem amerikanischen DJ, der bei AFN in Stuttgart auflegte, war so absurd, dass sie nach drei Monaten annulliert wurde. Wir reisten nach Orlando, Florida, wo ein Priester uns ganz spontan und ohne Voranmeldung in einer kleinen Kirche traute. Aus der Jackentasche seines schäbigen grauen Anzuges ragte eine Zigarettenschachtel. Ich wusste, das kann nichts werden. Nach zwei Wochen trennten sich unsere Wege.

Wie lief es mit deinem zweiten Ehemann, dem Regisseur Michael Pfleghar?

Ähnlich verrückt. Michael hat darauf bestanden, in London zu heiraten, weil er Angst vor der Presse hatte. Wir hatten an alles gedacht, nur nicht an Trauzeugen. Wir schlugen vor, dass mein Stoffhase Harvey den Job übernehmen würde. Der typisch britische Standesbeamte hatte Humor und stellte Harvey einen Stuhl hin, schickte aber einen Kollegen auf die Straße, der zwei wildfremde Passanten als Trauzeugen anschleppte. Die haben uns kein Glück gebracht, zwei Jahre später haben wir uns getrennt und acht Jahre später folgte die Scheidung. Am besten hat die Beziehung mit meinem letzten Partner, Alex Racic, funktioniert. Es hatte wohl auch damit zu tun, dass er, im Gegensatz zu meinen Ehemännern, ein echter Musiker war. Musik war unser gemeinsamer Nenner. Durch ihn habe ich die Klassik kennengelernt und er durch mich den Jazz. Es ist für die Beziehung gut, wenn beide für dieselbe Sache brennen.

Alex war 40 Jahre jünger als du.

Ich hatte mich deswegen auch lange gegen seine Avancen gesträubt und meinte, ich könnte seine Großmutter sein. „Bist du aber nicht“, hat er gesagt. Und da hatte er recht. Irgendwann habe ich seinem Werben nachgegeben. Dann hat der Altersunterschied dreizehn Jahre lang keine Rolle mehr gespielt. Bis er mich plötzlich heiraten wollte. Da habe ich es beendet, denn das wäre ja darauf hinausgelaufen, dass er irgendwann einen Pflegefall am Hals gehabt hätte. So egoistisch wollte ich nicht sein, dass ich einem jungen Mann sein Leben so blockiere. Man muss ja mit seinen Entscheidungen am Ende des Tages auch leben können.

Was sagt der Arzt?

Der ist ganz zufrieden mit mir. Außer einem künstlichen Hüftgelenk und einem Augenleiden gibt es bei mir nicht viel zu beanstanden. Ich weiß nicht, wie viel Zeit noch vor mir liegt, aber ich habe keine Angst vor dem Tod, mich sorgt höchstens die Art und Weise, wie er mich heimsuchen wird.

„Auf meiner Beerdigung soll ein schwedisches Volkslied spielen“

Ich möchte, dass meine Asche in der Nordsee verstreut wird, weil man von der Nordsee aus die ganze Welt erreichen kann. Und bei der Zeremonie darf gerne ein altes schwedisches Volkslied gespielt werden: Ich kann segeln ohne Wind, ich kann rudern ohne Ruder, aber nie könnte ich mich trennen vom liebsten Freund ohne Tränen.

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