China wird immer fetter

Niemand würde angesichts solcher Bilder glauben, dass China die meisten Moppel der Welt beheimatet. Aber es ist dennoch Fakt. Die chinesische Gesundheitskommission beziffert den Anteil der Übergewichtigen bei Erwachsenen auf über 50 %, davon sind rund 16,4 % sogar fettleibig. Das sind über 500 Millionen Menschen. Tendenz steigend.

 

Damit stehen die Chinesen zwar schlanker da als die USA, wo 70 % der Bevölkerung zu dick sind, aber verglichen mit dem etwa gleichgroßen Nachbarland Indien sind die Zahlen erschreckend. Lediglich 180 Millionen Inder sind in dem vornehmlich vegetarischen Land von Übergewicht betroffen. Bis ins Jahr 2050 rechnet man in China mit einem Anstieg auf 700 Millionen Übergewichtige. Pekings bisherige Versuche, mit Aufklärungskampagnen gegenzusteuern, waren vergebens. Man kann in diesem Land alles regulieren und nachjustieren, aber nicht das Essen. Vielleicht auch, weil vor 70 Jahren hier noch Menschen den Hungertod gestorben sind und die Angst vor dem Verhungern auf der kollektiven DNA abgespeichert ist. Die bekannteste Volksweisheit China’s lautet: „mín yǐ shí wéi tiān – das Volk betrachtet die Nahrung als seinen Himmel.“

„Nur Fleisch liefert Energie!“

Einen Food-Pingel wie mich überraschen die Zahlen nicht, nachdem ich jahrelang das Essverhalten der Chinesen studiert habe. Die breite Masse isst prinzipiell zu viel und zu schnell. Zudem zu fettig, zu salzig und zu süß. Und natürlich essen sie zu viel Fleisch. Die Mehrheit ist täglich Fleisch, nicht wenige sogar dreimal am Tag. Der vorherrschende Glaubenssatz lautet: „Nur Fleisch liefert Energie, um leistungsfähig zu sein.“ Mein Gegenargument, dass das ATP-Turnier in Shanghai viermal infolge von Novak Djokovic, einem Veganer, gewonnen wurde, tun sie gerne als Märchen ab. Ja, Veganismus scheint für sie eine perverse Erfindung des Westens zu sein, um die Chinesen zu verarschen. „Meat is so delicious!“ Selbst Chinesen, die kein Englisch sprechen, wissen zumindest, die ausländische Umschreibung ihres Leibgerichts. Fleisch ist lecker. Vor allem, wenn es von der Kuh stammt.

 

„It is so delicious…“

Dass ihr leckeres Fleisch und vor allem die Unmengen an verarbeiteten Wurstwaren (12 Mio. Tonnen jährlich), die hierzulande verdrückt werden, maßgeblich für Herzerkrankungen, Krebs, Demenz, und Diabetes verantwortlich sind, wird ignoriert bzw. dürfte vielen nicht mal bekannt sein. Selbst in der Schule scheint das nicht thematisiert zu werden. Wenn die Kinder in meiner Nachbarschaft Schulschluss haben, wartet vor der Tür ein Würstchenverkäufer, bei dem jedes Kind zuschlägt. Da sich Kinder im Rahmen des Schulsports jedoch mehr bewegen als Erwachsene, die mehrheitlich keinen Sport machen, sind nur 11 % der Schulkinder übergewichtig. Aber die Weichen sind gestellt. Zumal sie ungeniert Süßigkeiten von ihren Eltern bekommen. Eine mehrstündige Flugreise neben einem dieser zappeligen Zuckerschockzwerge kann sehr anstrengend sein, wie ich gerade feststellen durfte.

Man kann sehr hochwertig speisen in China. Schon Konfuzius sagte: „Essen kann nie gut genug sein und Kochen kann nie sorgfältig genug sein.“

„Let’s have some snacks!“

Zwischenmahlzeiten, egal ob süß oder salzig, haben eine besondere Tradition in China. Sie essen nicht nur dreimal täglich opulente Mahlzeiten (auch das Frühstück fällt in der Regel sehr deftig aus), sondern pfeifen sich auch noch zwischendurch gerne irgendwelche Snacks ein. Die sind gerne in Plastik verschweißt und enthalten Zusätze, die keiner seriösen Lebensmittelprüfung standhalten würden. Sprich, der Verdauungstrakt wird durchgehend befeuert und hat kaum Zeit, zu verdauen, geschweige denn Fett zu verbrennen. Die Probleme sind vorprogrammiert, zumal Asiaten anfälliger für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind als Europäer. Die BMI-Werte wurden zur Bewertung der Chinesen entsprechend angepasst.

 

  • Übergewicht (übergewichtig): BMI 24–28 kg/m²
  • Adipositas (fettleibig): BMI ab 28 kg/m² oder höher

Zum Vergleich: Die WHO setzt die Grenzen international bei einem BMI ab 25 für Übergewicht und ab 30 für Adipositas an. Aus der Adipositas-Epidemie resultieren circa 200 Millionen chinesische Diabetiker. Auch hier ist das Land weltweiter Rekordhalter.

Lungenkrebs und Darmkrebs sind die Hauptkiller.

Die vielen Glukosemesser an den Oberarmen, die ich bei meinen Saunabesuchen wahrnehme, sprechen Bände. Das Essverhalten in diesen Wellnesstempeln spricht ebenfalls Bände. Die Buffetspeisen, die im Eintrittspreis enthalten sind, kann man in der Regel getrost als grauenvoll bezeichnen. Das weiß der chinesische Besucher noch viel besser zu beurteilen als ich. Ich esse daher zumeist nur etwas Suppe oder Obst. Der Chinese wird sich trotzdem immer den Bauch vollschlagen: „Klar ist das Essen miserabel, aber ich habe dafür bezahlt, also esse ich auch.“ Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

 

Essen bis zum Platzen

Tatsächlich essen die meisten alles, was man ihnen gratis vorsetzt. Ich habe bei meinen Jobs noch nie jemanden sich über das Essen beschweren hören. Drei warme Mahlzeiten müssen meine Arbeitgeber dem Team an einem langen Drehtag spendieren. Da ein Team immer aus 20 bis 50 Personen besteht, wird da natürlich keine Feinkost geliefert. Egal, Hauptsache essen, Hauptsache die Wampe ist voll. „Wǒ chī bǎo le – ich bin satt“ oder auch „Wǒ chī chēng le – ich platze gleich“ sind gängige Formulierungen, die vielleicht erklären, warum in China täglich 1.500 Menschen neu an Darmkrebs erkranken und täglich mehr als 700 Chinesen daran sterben. Darmkrebs ist nach Lungenkrebs, im Land der Nikotinsüchtigen, die zweithäufigste Krebsart.

Nur wenige haben Zeit, Geld und Energie übrig, um ins Fitnessstudio zu gehen. Ich zahle 1.000 Euro für eine Jahresmitgliedschaft im Panatta-Gym von Shenzhen. Panoramablick Hongkong inbegriffen. Personaltrainer kosten 100 Euro die Stunde. Perverse Preise für ein Land, in dem die Mehrheit 800 Euro im Monat verdient.

Wenn man jährlich 120 Stunden im Aufzug verbringt

Ich wohne 18 Stockwerke über McDonald’s. Der ist an jedem einzelnen Tag des Jahres und zu jeder Uhrzeit gut besucht. Zu Frühstückszeiten bekommt man keinen Platz. Und er ist nur eine von 430 Filialen im Stadtzentrum von Shenzhen. In China eröffnen täglich drei neue Filialen. Die Volksrepublik deckt circa 25 % des weltweiten Umsatzes der Fast-Food-Kette ab. Die meisten meiner Nachbarn sind sogar zu faul, mit dem Aufzug runterzufahren, und lassen sich ihre Hamburger nach oben liefern. Wer mag es ihnen verdenken? Der durchschnittliche Hochhausbewohner verbringt täglich mindestens 20 Minuten mit Aufzugfahren und kommt somit locker auf 120 Stunden im Jahr. Bei einer Lebenserwartung von 79 Jahren, geht daher mehr als ein Lebensjahr im Aufzug flöten. Natürlich sprachlos, man redet nicht im Aufzug, man starrt nur ins Smartphone. Beim Essen natürlich auch.

„Weniger essen? Spinnt ihr?“

In Kombination mit den stark rückläufigen Geburtenraten zeichnet das keine rosigen Prognosen für die Supermacht. Die Roboter werden womöglich tatsächlich irgendwann übernehmen müssen. Die Folgen der Adipositas kosten das hiesige Gesundheitssystem bereits jetzt ein Viertel des Gesamtetats. Tendenz steigend. Peking steuert zwar mit Kampagnen, wie dem „Jahr des Gewichtsmanagements“ und dem Aufbau von „Gewichtsmanagementkliniken“ dagegen, aber dass das Wirkung zeigen wird, bezweifle ich. Das hiesige System funktioniert nur mit Druck. Freiwillig passiert hier nichts. Außerhalb der Arbeit werden jegliche Regeln abgelehnt. Nicht mal die Verkehrsregeln werden in meiner Region, dem Guangdong (Spitzname: „Little India“), als verbindlich betrachtet. Geschweige denn werden sie sich das Essen verbieten lassen. Vielleicht sollte Peking einfach die Aufzüge abstellen. Dann würden aus den täglichen 20 Minuten Aufzugfahren 60 Minuten Treppensteigen. Hochgerechnet wären das dann zwar circa drei Lebensjahre im Treppenhaus, aber der Gesundheit und der Lebenserwartung wäre es bestimmt zuträglich. 

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